Der Coronaimpfstoff von AstraZeneca, ursprünglich als vielversprechende Waffe gegen die Pandemie gefeiert, steht nun im Zentrum kontroverser Diskussionen. Am 7. Mai 2024 gab AstraZeneca bekannt, dass der Impfstoff weltweit zurückgezogen wird[1][8]. Dies folgte auf den Antrag des Unternehmens vom 5. März, die EU-Marktzulassung zu widerrufen[6].
Der Hauptgrund für diesen Schritt liegt laut AstraZeneca in der „Überzahl verfügbarer aktualisierter Impfstoffe“, die besser gegen neuere Virusvarianten wirken[6][8]. Tatsächlich hat sich die Risiko-Nutzen-Abwägung seit Beginn der Impfkampagne deutlich verändert. Während der Impfstoff in der Anfangsphase der Pandemie eine entscheidende Rolle spielte und laut Schätzungen allein im ersten Jahr über 6,5 Millionen Leben rettete[1], sank die Nachfrage mit dem Aufkommen neuerer, variantenspezifischer Impfstoffe.
Ein wesentlicher Faktor für den Rückzug waren auch Sicherheitsbedenken. Der AstraZeneca-Impfstoff wurde mit einem seltenen, aber schwerwiegenden Nebenwirkung in Verbindung gebracht: der Thrombose mit Thrombozytopenie-Syndrom (TTS)[4][6]. Diese trat bei etwa 2-3 Personen pro 100.000 Geimpften auf[6]. Bis November 2022 meldete die britische Arzneimittelbehörde MHRA 445 Fälle von Blutgerinnseln mit niedrigen Thrombozytenzahlen nach AstraZeneca-Impfungen, mit einer Sterblichkeitsrate von 18% (81 Todesfälle)[6].
Eine umfangreiche globale Studie mit 99 Millionen geimpften Personen bestätigte das erhöhte Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom und zerebrale Sinusvenenthrombose nach der AstraZeneca-Impfung[3]. Die Studie identifizierte auch zwei neue, sehr seltene Nebenwirkungen: Transverse Myelitis und akute disseminierte Enzephalomyelitis[3].
Für Betroffene mit Impfschäden ergeben sich nun juristische Konsequenzen. In Großbritannien haben 51 Kläger, vertreten durch die Anwaltskanzlei Leigh Day, eine Sammelklage gegen AstraZeneca eingereicht[4]. Sie machen geltend, dass der Impfstoff nach dem Consumer Protection Act von 1987 „fehlerhaft“ war, da er weniger sicher war, als Verbraucher erwarten durften[4].
Bemerkenswert ist, dass AstraZeneca in Gerichtsdokumenten erstmals offiziell eingeräumt hat, dass ihr Impfstoff in sehr seltenen Fällen TTS verursachen kann[4]. Dies könnte für die laufenden und zukünftigen Rechtsstreitigkeiten von Bedeutung sein.
In einer separaten Klage fordert Jamie Scott, der nach der Impfung eine schwere Hirnverletzung erlitt, Schadenersatz von AstraZeneca[5]. Sein Fall verdeutlicht die potenziell verheerenden Auswirkungen der seltenen Nebenwirkungen auf Einzelpersonen und Familien.
Viele Betroffene haben bereits Einmalzahlungen von 120.000 Pfund aus dem britischen Vaccine Damage Payment Scheme (VDPS) erhalten[5]. Allerdings kritisieren Familien und Anwälte dieses System als unzureichend, da es seit 2007 nicht an die Inflation angepasst wurde und die tatsächlichen Kosten für Pflege und Verdienstausfälle oft weit übersteigt[4][5].
Die juristische Aufarbeitung der Impfschäden wirft wichtige Fragen zur Verantwortung von Pharmaunternehmen und Regierungen auf. Es geht dabei nicht nur um Entschädigung für die Betroffenen, sondern auch um das Vertrauen in zukünftige Impfkampagnen. Wie Sarah Moore, Partnerin bei Leigh Day, betont: „Impfungen im Vereinigten Königreich beruhen auf einem sozialen Pakt – bei dem sich gesunde Menschen zum Wohl der Gesellschaft als Ganzes impfen lassen. In diesem Zusammenhang muss die Öffentlichkeit verstehen, dass sie, wenn sie Opfer eines seltenen unerwünschten Ereignisses wird, ohne rechtliche Auseinandersetzung eine sinnvolle finanzielle Unterstützung von der Regierung erhält.“[4]
Der Fall des AstraZeneca-Impfstoffs unterstreicht die Komplexität der Impfstoffentwicklung und -verteilung in Krisenzeiten. Während der Impfstoff zweifellos eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der Pandemie spielte, zeigen die aufgetretenen Komplikationen die Notwendigkeit kontinuierlicher Überwachung und Anpassung von Impfstrategien sowie fairer Entschädigungsmechanismen für die seltenen, aber schwerwiegenden Fälle von Impfschäden.
Quellen:
[1] AstraZeneca pulls its COVID-19 vaccine from European market after … https://fortune.com/europe/2024/05/09/astrazeneca-pulls-covid-19-vaccine-europe-market-history-stumbles/
[2] AstraZeneca pulls its COVID-19 vaccine from the European market https://apnews.com/article/astrazeneca-vaccine-covid-eu-a3c108dd0ca305cf1b6da764e9a37abc
[3] Covid-19: Two rare vaccine side effects detected in large global study https://www.bmj.com/content/384/bmj.q488
[4] AstraZeneca formally admits that its COVID-19 vaccine can cause … https://www.leighday.co.uk/news/news/2024-news/astrazeneca-formally-admits-that-its-covid-19-vaccine-can-cause-rare-side-effect/
[5] AstraZeneca faces legal challenge over Covid vaccine – BBC https://www.bbc.com/news/health-67370454
[6] FactCheck: why is the AstraZeneca Covid vaccine being withdrawn … https://www.channel4.com/news/factcheck/factcheck-why-is-the-astrazeneca-covid-vaccine-being-withdrawn-worldwide
[7] Exploring the adverse events of Oxford–AstraZeneca, Pfizer … – Nature https://www.nature.com/articles/s41598-024-66999-7
[8] AstraZeneca withdraws Covid-19 vaccine worldwide, citing surplus … https://www.theguardian.com/business/article/2024/may/08/astrazeneca-withdraws-covid-19-vaccine-worldwide-citing-surplus-of-newer-vaccines
[9] Vaccine Injured and Bereaved vs. AstraZeneca – Time for Justice https://www.crowdjustice.com/case/vaccine-injured-and-bereaved/

