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CDU vor der Zerreißprobe: Droht eine Koalition mit der AfD?

Berlin, 23. März 2025 – Die Koalitionsverhandlungen zwischen der CDU/CSU und der SPD, die nach der Bundestagswahl im Februar 2025 begonnen haben, stehen vor einer ungewissen Zukunft. Nach Wochen zäher Gespräche mehren sich die Stimmen, die eine mögliche Kehrtwende der Union in Betracht ziehen: Könnte die CDU angesichts der stockenden Verhandlungen mit der SPD ihre jahrelange Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der AfD überdenken? Diese Frage sorgt in der deutschen Politik für hitzige Debatten.

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Ein mühsamer Weg zu Schwarz-Rot

Nach dem Wahlsieg der Union unter Friedrich Merz mit 28,5 Prozent der Stimmen schien die Bildung einer Koalition mit der SPD (16,4 Prozent) die naheliegende Option. Beide Parteien einigten sich in Sondierungsgesprächen auf ein elfseitiges Papier, das Themen wie Migration, Finanzen und Wirtschaftspolitik adressiert. Doch die eigentlichen Koalitionsverhandlungen, die Mitte März starteten, verlaufen alles andere als reibungslos. Streitpunkte wie die Ausgestaltung der Migrationspolitik – insbesondere die Frage der Zurückweisung von Asylsuchenden an den Grenzen – sowie die Finanzierung eines 500-Milliarden-Euro-Sondervermögens für Verteidigung und Infrastruktur belasten die Gespräche. SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken betonte kürzlich: „Wir werden nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen“, und wies Merz’ Vorstellungen einer unilateralen Grenzpolitik als europarechtswidrig zurück.

Die CDU hingegen drängt auf spürbare Verschärfungen, insbesondere in der Migrationsfrage, die sie im Wahlkampf als zentrales Thema etabliert hat. Unionspolitiker wie Jens Spahn unterstrichen, dass man sich nicht von europäischen Nachbarn abhängig machen wolle. Diese unvereinbaren Positionen lassen Zweifel aufkommen, ob Schwarz-Rot überhaupt zustande kommt. Merz selbst schloss eine Minderheitsregierung aus und betonte die Notwendigkeit einer stabilen Mehrheit – doch mit wem?

Die AfD als Alternative?

Die AfD, die mit 20,8 Prozent zweitstärkste Kraft wurde und insbesondere in Ostdeutschland triumphierte, sieht sich als potenzieller Königsmacher. Parteichef Tino Chrupalla wiederholte sein Angebot an die CDU: „Wenn Friedrich Merz seine Wahlversprechen umsetzen will, wird er auf uns zukommen müssen.“ Eine Koalition aus CDU/CSU und AfD wäre rechnerisch möglich und könnte Merz’ Ziel einer „kompletten Wende“ in der Migrations- und Wirtschaftspolitik näherbringen – zwei Bereiche, in denen die AfD-Positionen denen der Union zumindest teilweise ähneln.

Doch die Hürden sind enorm. Die CDU hat einen klaren Unvereinbarkeitsbeschluss mit der AfD, den Merz wiederholt bekräftigte. „Ich suche keine Mehrheiten außerhalb der demokratischen Mitte“, sagte er nach einer umstrittenen Bundestagsabstimmung im Januar, bei der die Union AfD-Stimmen für einen Migrationsantrag in Kauf nahm. Innerparteilich stößt ein solcher Kurs auf Widerstand: Politiker wie der Rottenburger Oberbürgermeister Stephan Neher warnten vor einem „Wortbruch“, und Publizist Michel Friedman trat gar aus Protest aus der CDU aus.

Druck von innen und außen

Dennoch wächst der Druck innerhalb der Union. Konservative Stimmen argumentieren, dass eine Koalition mit der SPD die Wende verhindere, die man den Wählern versprochen habe. Auf X spekulieren Nutzer bereits über ein mögliches Szenario: „Die CDU spricht ergebnisoffen mit der SPD und parallel mit der AfD. Sie entscheidet sich rational für das Bündnis, das ihr Programm am besten umsetzt“, schrieb ein User. Ein anderer orakelte: „Am Ende platzen die Verhandlungen mit der SPD, Merz wird abgesägt, und wir bekommen Schwarz-Blau.“

Außenpolitisch wäre eine Annäherung an die AfD ein Erdbeben. Sie könnte Deutschland in Europa isolieren und die ohnehin angespannten Beziehungen zu Nachbarländern wie Österreich, das Grenzschließungen ablehnt, weiter belasten. Zudem sieht Amnesty International in einer verschärften Migrationspolitik mit AfD-Beteiligung eine Gefahr für Menschenrechte.

Ein Balanceakt mit ungewissem Ausgang

Politikwissenschaftlerin Jasmin Riedl von der Universität der Bundeswehr München hält ein Scheitern von Schwarz-Rot für möglich, eine Koalition mit der AfD jedoch für „extrem unwahrscheinlich“. „Die CDU weiß, dass sie damit ihre Mitte verlieren würde“, sagt sie. Dennoch: Sollten die Verhandlungen mit der SPD endgültig scheitern, stünde Merz vor einer Zerreißprobe. Ein Parteitag oder gar Neuwahlen wären dann ebenso denkbar wie ein bislang undenkbarer Bruch der „Brandmauer“ zur AfD.

Bis Ostern, Merz’ selbstgesetztes Ziel für eine Regierungsbildung, bleibt die Spannung hoch. Deutschland hält den Atem an – und die Frage bleibt: Wagt die CDU den Schritt ins Ungewisse, oder bleibt sie ihrem bisherigen Kurs treu? Die kommenden Wochen werden es zeigen.