Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat eine nicht-amtliche Testversion der ICD-11 in deutscher Sprache veröffentlicht. Die Übersetzung basiert auf der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Februar 2026 bereitgestellten Version und ist ab sofort digital über den WHO-API-Zugang nutzbar. Sie dient Test-, Studien- und Umstiegsanalysen, bleibt jedoch ohne amtliche Gültigkeit.
In Deutschland gelten weiterhin die ICD-10-WHO für die Mortalitätskodierung (Todesursachen) und die ICD-10-GM für die Morbiditätskodierung (Krankheitshäufigkeit und -ausmaß). Ein offizieller Wechsel zur ICD-11 ist weder beschlossen noch terminiert. Die Nutzung der Testversion unterliegt den Lizenz- und Nutzungsbedingungen der WHO.
Die ICD-11 wurde von der WHO im Mai 2019 verabschiedet und trat am 1. Januar 2022 international in Kraft. Sie enthält medizinisch-wissenschaftliche, klassifikatorische und informationstechnologische Weiterentwicklungen: differenziertere Kodierungsmöglichkeiten, bessere Unterstützung digitaler Gesundheitssysteme und das Ziel einer einheitlichen internationalen Fassung ohne nationale Modifikationen wie die bisherige ICD-10-GM. Dadurch soll die Vergleichbarkeit von Gesundheitsdaten weltweit verbessert werden.
Die deutsche Testversion wird jährlich aktualisiert und durchläuft weiterhin Qualitätssicherungsprozesse. Sie ermöglicht erstmals den Test von Werkzeugen wie dem offiziellen WHO-Kodiertool in deutscher Sprache.
„Die ICD-11 bringt erhebliche inhaltliche und technische Neuerungen“, sagte Dr. Stefanie Weber, Leiterin der Abteilung Kodiersysteme und Register im BfArM. Die Bereitstellung der Testversion sei ein wichtiger Schritt zur Vorbereitung eines möglichen künftigen Einsatzes in Deutschland.
Der Umstieg auf die ICD-11 gestaltet sich in Deutschland komplexer als in vielen anderen Ländern. Die ICD-10-GM ist tief in Abrechnungsprozesse (stationär und ambulant), morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich, Qualitätssicherung, Epidemiologie und Statistik integriert. Je stärker eine Klassifikation mit Vergütung und Abrechnung verknüpft ist, desto aufwendiger sind Evaluation, Anpassung bestehender Systeme und Planung eines Übergangs.
Objektiv betrachtet bietet die ICD-11 Vorteile in Präzision, Digitaltauglichkeit und internationaler Harmonisierung. Gleichzeitig birgt ein Wechsel in Deutschland erhebliche organisatorische, technische und finanzielle Herausforderungen. Viele Prozesse müssten angepasst, IT-Systeme umgestellt und Personal geschult werden. Derzeit nutzen nur wenige Länder die ICD-11 routinemäßig für Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken; in den meisten Industrienationen läuft die Vorbereitungsphase noch.
Die Testversion steht auf der BfArM-Website zur Verfügung und kann für wissenschaftliche Zwecke, Machbarkeitsstudien oder Vergleichsanalysen eingesetzt werden.
