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Beschleunigte Zulassung von Comirnaty: Mängel, verkürzte Prüfzeiten und Abweichungen vom Standard

Im Zuge der Pandemiebekämpfung hat der BioNTech/Pfizer-Impfstoff Comirnaty ein beschleunigtes Zulassungsverfahren durchlaufen, das in mehreren Punkten von den in der EU sonst üblichen regulatorischen und wissenschaftlichen Standards abwich. Neben zweckmäßigen Fast-Track-Prozessen zur schnellen Bereitstellung für die Bevölkerung rückten dabei jedoch auch nachweisliche Mängel in der Studienabwicklung und Validität der Studiendaten in den Fokus.

Verkürzte Dauer und Vergleich zu herkömmlichen Verfahren

Normalerweise erstreckt sich die Entwicklung und Erforschung eines Impfstoffkandidaten bis zur Marktzulassung über Zeiträume von fünf bis über zehn Jahren. Allein das regulatorische Standardzulassungsverfahren in der EU beansprucht inklusive Bearbeitung durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) mindestens 210 Werktage, wobei die vollständige Datenprüfung und Nachforderung weiterer Informationen durch Antragsteller zusätzliche Monate in Anspruch nehmen können. Erst nach einer abschließenden, meist 300 Tage dauernden wissenschaftlichen Bewertung durch das CHMP erfolgt die formale Zulassung durch die Europäische Kommission[1][2].

Pandemiebedingt wurde für COVID-19-Impfstoffe – darunter Comirnaty – dieses Verfahren massiv gestrafft. Mit der Einführung eines „beschleunigten Zulassungsverfahrens“ wurde die effektive Prüfdauer auf bis zu 150 Tage, innerhalb der EMA sogar auf 1 Monat, verkürzt. Teilweise kamen hierfür Mechanismen wie „Rolling Review“ zum Einsatz, bei denen bereits Zwischenergebnisse und Teildaten in Echtzeit bewertet wurden, lange bevor eine vollständige Datengrundlage vorlag. Die EU wählte dabei den Weg der „bedingten Zulassung“ mit Auflagen. Während weltweit viele Länder im Rahmen von Notfallzulassungen (Emergency Use Authorization/EUA) arbeiteten, verzichtete die EU formell auf diese Kategorie, setzte aber praktisch einen ähnlichen Zeitrahmen um[1][3].

Nachgewiesene Unregelmäßigkeiten und methodische Mängel

Schon während der laufenden Phase-III-Zulassungsstudien tauchten insbesondere im US-Studienzentrum von Ventavia schwerwiegende Unregelmäßigkeiten auf, wie unter anderem das British Medical Journal (BMJ) recherchierte. Zu den dokumentierten Verstößen zählten:

  • Unzureichende Überwachung der Probanden nach Injektion,
  • Falsch etikettierte Laborproben,
  • Lagern der Impfstoffe bei unzureichender Temperatur,
  • Protokollabweichungen ohne Dokumentation,
  • Zu geringe Kapazitäten im Verhältnis zur Probandenzahl,
  • Entblindung von Patientendaten,
  • Fehlende oder verzögerte Nachverfolgung von Nebenwirkungen.

Interne Hinweise einer Whistleblowerin wurden mit Vertröstungen beantwortet, ohne dass gravierende Verbesserungen in der Studientechnik erfolgten[4][5][6][7]. Fachleute sehen darin nicht nur Versäumnisse bei der Einhaltung der „Good Clinical Practice“, sondern bemängeln eine überhastete Infrastruktur, die den außergewöhnlichen Zeitdruck widerspiegelt.

Rechtlicher Rahmen und Mindeststandards

In der EU werden die Anforderungen an Zulassungsstudien insbesondere in der Verordnung (EU) 536/2014 sowie national im Arzneimittelgesetz geregelt. Diese Vorschriften schreiben höchste Patientensicherheit, strenge Dokumentationspflichten und detaillierte Fristenkonzepte vor, die während der Pandemie auf minimale Bearbeitungszeiten reduziert wurden[8][9][10]. Auch der Ethik-Kommissionen kommt eine integrale Rolle innerhalb klar definierter, teils verkürzter Fristen zu, um Entscheidungen schneller zu treffen.

Einordnung und Bewertung

Wissenschaftler und Regulatoren betonen, dass der schnelle Zugang zu Impfstoffen eine öffentliche Notwendigkeit war. Dennoch gehen viele Experten davon aus, dass die Kombination aus beschleunigten Verfahren und den bekannten qualitativen Mängeln in Einzelstudienzentren eine kritische Auseinandersetzung mit der Robustheit und Belastbarkeit der Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten notwendig macht. Der Vergleich zu herkömmlichen, langjährig angelegten Impfstoff-Entwicklungen zeigt eine bislang nie dagewesene Kompromissbereitschaft – mit Risiken für das Vertrauen in das Arzneimittelzulassungssystem.

Quellen:
[1] Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen – AGES https://www.ages.at/mensch/arzneimittel-medizinprodukte/entwicklung-zulassung-von-impfstoffen
[2] [PDF] Zulassungsverfahren für Humanimpfstoffe in Deutschland und … https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/bgbl/01-2020/text-grabski-hildt-wagner.pdf?__blob=publicationFile&v=3
[3] Impfstoff-Zulassung: Warum es in der EU etwas länger dauert – Kurier https://kurier.at/wissen/gesundheit/impfstoff-zulassung-warum-es-in-der-eu-etwas-laenger-dauert/401125659
[4] Nach Kritik an Comirnaty-Studie: Was sagen … https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2021/11/04/was-sagen-wissenschaftler-dazu
[5] Comirnaty: Hat die FDA geschludert? https://www.doccheck.com/de/detail/articles/36008-comirnaty-hat-die-fda-geschludert
[6] Biontech/Pfizer: Bericht über Unregelmäßigkeiten bei … https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/biontech-pfizer-britisches-fachmagazin-berichtet-ueber-schlamperei-bei-corona-impfstoff-zulassungsstudie-a-3215cb80-70c8-4a46-8b17-aba2db960611
[7] Covid-19 Biontech/Pfizer-Impfstoff: Experten zweifeln nicht … https://www.mdr.de/wissen/covid-impfstoff-biontech-pfizer-kritik-zulassungsstudie-fehler-100.html
[8] Genehmigung klinischer Studien in Europa https://toolbox.eupati.eu/resources/genehmigung-klinischer-studien-in-europa/?lang=de
[9] Arzneimittel (CTR/AMG) – KKS Netzwerk https://www.kks-netzwerk.de/studiensupport/nationaler-studiensupport/regularien/arzneimittel/
[10] text-sudhop-riedel-krafft.pdf https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/DE/newsroom/bgbl/01-2023/text-sudhop-riedel-krafft.pdf?__blob=publicationFile&v=2
[11] Schlamperei bei Comirnaty-Zulassungsstudie https://www.pharmazeutische-zeitung.de/schlamperei-bei-comirnaty-zulassungsstudie-129188/
[12] Keine chargenbezogene Häufung von … https://www.pei.de/DE/newsroom/positionen/covid-19-impfstoffe/stellungnahme-keine-chargenbezogene-haeufung-verdachtsfallmeldungen-covid-19-impfstoffe.html