Ein herber Schlag für Thüringen und insbesondere für die Landeshauptstadt Erfurt: Die geplante Ansiedlung der Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI) in der Erfurter ICE-City ist endgültig gestoppt. Das Vorhaben, das unter der Ampel-Regierung als Prestigeprojekt für den Osten galt, hätte Millionen-Investitionen und Hunderte hochqualifizierter Arbeitsplätze gebracht. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) begründet die Kehrtwende mit dem neuen Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung. In Erfurt und Weimar tobt der Unmut: Linken-Fraktionschef Christian Schaft bezeichnet die Entscheidung als „forschungspolitisches Totalversagen“ und fordert Offenlegung der Gründe sowie Korrekturen. Auch die Rolle der thüringischen Landesregierung steht nun im Fokus.
Hintergrund: Ein Projekt für besseren Wissenstransfer
Die DATI sollte ein zentraler Motor für den Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft werden. Geplant war eine bundesweite Agentur, die Innovationsnetzwerke zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen aufbaut – mit einem Fokus auf anwendungsnahe Projekte in Bereichen wie Digitalisierung, Klimaschutz und Medizintechnik. Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung von 2021 war die Gründung explizit vorgesehen, um Lücken im deutschen Innovationssystem zu schließen. Thüringen bewarb sich 2022 erfolgreich um den Sitz: Nach einer Auswahl durch eine Expertenkommission im Dezember 2023 setzte sich Erfurt gegen Standorte wie Bochum, Dortmund und Potsdam durch. Die zentrale Lage, die starke Hochschullandschaft (mit der Universität Erfurt und der Bauhaus-Universität Weimar) sowie die Nähe zu Mittelständlern sprachen für die thüringische Metropole.
Der geplante Standort war die ICE-City am Erfurter Hauptbahnhof – ein ambitioniertes Stadtentwicklungsprojekt der Stadt, der Deutschen Bahn und der LEG Thüringen. Hier sollten bis 2029 rund 97 Millionen Euro für Personal, Sachkosten und Förderungen fließen, ergänzt durch ein separates Budget von über 700 Millionen Euro für Transferprojekte. Die Agentur hätte etwa 100–150 Mitarbeiter beschäftigt und jährlich Hunderte Förderanträge bearbeitet, um Innovationen schneller in Produkte umzusetzen. Für Ostdeutschland galt DATI als Symbol für strukturelle Stärkung: „Gute Nachrichten für den Innovationsstandort Ostdeutschland“, jubelte damaliger Ostbeauftragter Carsten Schneider (SPD) noch im Herbst 2024.
Die Kehrtwende: Bärs Begründung und erste Reaktionen
Am 9. Oktober 2025 fiel die Hiobsbotschaft: Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur erklärte Ministerin Bär, die DATI sei ein „nicht umgesetztes Vorhaben der vorangegangenen Bundesregierung“. Der neue Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD sehe die Agentur nicht mehr vor. Stattdessen wolle ihr Haus den Transfer „weiter stärken und beschleunigen“, unter Einbeziehung der Erkenntnisse aus den DATI-Vorarbeiten. Eine offizielle Mitteilung des Ministeriums blieb zunächst aus, was die Überraschung in Erfurt verstärkte – selbst Schneider erfuhr von der Absage aus der Zeitung.
Thüringens Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Teichert (Parteiloser) nannte die Entscheidung „äußerst bedauerlich, aber nicht vollends überraschend“ – sie habe sich bereits im Koalitionsvertrag abgezeichnet. Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) sprach von einem „Schlag ins Gesicht“ und kündigte an, Bär direkt anzuschreiben: „Wir erwarten einen adäquaten Ersatz – wenn nicht DATI, dann eine andere Bundesbehörde.“ Die ICE-City, ein Kernprojekt mit Investitionen in Höhe von Hunderten Millionen, drohe nun, an Fahrt zu verlieren.
Scharfe Kritik aus dem Landtag: Schafts Vorwürfe
Am schärfsten reagierte Christian Schaft, Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag und wissenschaftspolitischer Sprecher. In einer Presseerklärung bezeichnete er den Stopp als „forschungspolitisches Totalversagen“ von Bär. „Die Gründe für diese Entscheidung müssen offengelegt und korrigiert werden“, forderte Schaft. Er kritisierte, dass der Bund Verbindlichkeiten breche und Ostdeutschland benachteilige – gerade in einer Zeit, in der nur 12,1 Prozent der Top-Positionen im öffentlichen Dienst mit Ostdeutschen besetzt seien. Schaft plant, das Thema im Landtags-Wissenschaftsausschuss anzusprechen und die CDU-Landesregierung zum Handeln aufzurufen: „Vom Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) und dem Wissenschaftsminister erwarte ich klaren Widerspruch und sichtbaren Einsatz für Erfurt.“
Schafts Kritik passt in eine breitere Debatte: Die Linke hatte sich früh für die DATI starkgemacht und 2024 noch gefordert, Unsicherheiten auf Bundesebene nicht zu Investitionen werden zu lassen. 30 Nun sieht er darin ein Muster unionsgeführter Politik, die ostdeutsche Standorte benachteilige. Auch CDU-Fraktionschef Andreas Bühl nannte den Stopp einen „Rückschlag für die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland“ und forderte Ausgleichsleistungen. SPD-Wirtschaftspolitiker Moritz Kalthoff sprach von einem „symbolischen Affront“ nach den 35-Jahre-Feiern der Wende. Selbst die AfD, sonst oppositionell isoliert, fordert nun mehr Engagement der Landesregierung für die ICE-City.
Bundesweit hallt die Empörung wider: Katrin Göring-Eckardt (Grüne) nannte es einen „Schlag ins Gesicht für den gesamten Osten“ und mahnte an, dass ein Unions-Politiker in der Gründungskommission Erfurt mitgetragen habe. Schneider warf Bär persönlich Verantwortung vor.
Ausblick: Forderungen nach Kompensation
Die Debatte eskaliert: Erfurt und Thüringen fordern nicht nur Transparenz, sondern konkrete Alternativen – etwa Bundesprogramme für Start-ups oder eine Stärkung der ICE-City als Zukunftsstandort. Die Ministerpräsidentenkonferenz der ostdeutschen Länder könnte nun intervenieren, um Ostdeutschland als Innovationshub zu sichern. Bär versprach, den Transfer anders zu fördern, doch ohne klare Zusagen bleibt Skepsis. Für Erfurt, das auf die DATI als Katalysator für Wachstum gehofft hatte, ist der Verlust spürbar: Nicht nur Geld, sondern Vertrauen in den Bund steht auf dem Spiel.
Die Affäre unterstreicht die Spannungen zwischen Bund und Ländern im Osten – und könnte die Debatte über eine „Ostpolitik 2.0“ neu entfachen. Ob Schafts Vorstoß im Landtag zu einer breiten Allianz führt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
