Die dreidimensionalen Mini-Organe aus Stammzellen, sogenannte Organoids, standen auf der analytica 2026 in München im Mittelpunkt einer hochkarätigen Keynote-Session. Unter dem Titel „The Future of Biology in a Dish“ diskutierten internationale Experten im Forum Biotech die rasante Entwicklung dieser Technologie und ihre wachsenden Anwendungen in Forschung und Medizin. Die Session fand während der Weltleitmesse für Labor-, Analysen- und Biotechnik vom 24. bis 27. März statt und zog zahlreiche Fachbesucher an.
Hochkarätiges Panel zur Organoid-Entwicklung
Dr. Kai Kretzschmar vom Mildred Scheel-Nachwuchszentrum für Krebsforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und dem Universitätsklinikum Würzburg präsentierte aktuelle Arbeiten zu patientenabgeleiteten Organoiden (PDOs). Moderatorin war Dr. Merle Fuchs von medways e.V./leap:up GmbH/TechnologieContor. Weitere Panelteilnehmer waren unter anderem Robert Vries, CEO von HUB Organoids, und Dr. Joel Cresser-Brown. Das Gespräch beleuchtete Chancen und Herausforderungen, wie Organoid-Modelle zunehmend von der Grundlagenforschung in die translationale Anwendung und Arzneimittelentwicklung übergehen.
Organoids sind aus patienteneigenen Stamm- oder Tumorzellen gezüchtete dreidimensionale Gewebestrukturen, die die Architektur, Funktion und molekularen Eigenschaften menschlicher Organe oder Tumore weitgehend nachbilden. Im Gegensatz zu klassischen 2D-Zellkulturen ermöglichen sie eine realistischere Modellierung komplexer biologischer Prozesse.
Vielseitige Anwendungen in der personalisierten Medizin
Ein zentrales Anwendungsfeld ist die Onkologie. Patienten-abgeleitete Tumor-Organoids dienen als hochpräzise 3D-Modelle für das Drug Screening. Verschiedene Therapien – von Chemotherapeutika über zielgerichtete Wirkstoffe bis hin zu Immuntherapien – können direkt an den individuellen Tumor-Organoiden getestet werden. Die Ergebnisse korrelieren häufig stark mit dem tatsächlichen Behandlungserfolg beim Patienten. Dadurch lassen sich wirksame Therapien schneller identifizieren und unwirksame oder resistente Behandlungen vermeiden.
In der Krebsforschung helfen Organoids, Krankheitsmechanismen und Therapieresistenzen besser zu verstehen. Sie ermöglichen die Untersuchung des Tumor-Mikroumfelds, etwa in Kombination mit Immunzellen, oder die gezielte genetische Manipulation mittels CRISPR. Weitere Einsatzbereiche umfassen die Modellierung seltener Erkrankungen, die Erforschung der Entwicklungsbiologie sowie Ansätze in der regenerativen Medizin.
Ein wichtiger Vorteil ist die Reduktion von Tierversuchen durch humanrelevante Modelle. Die Session thematisierte auch technische Herausforderungen: die Skalierung der Kulturen für Hochdurchsatz-Anwendungen, die Integration von Gefäßsystemen (Vaskularisierung) für eine bessere Nährstoffversorgung und die Automatisierung von Kultur und Analyse mit Unterstützung von KI und Robotik.
Technologische Unterstützung auf der Messe
Viele Aussteller der analytica 2026 präsentierten passende Lösungen für die Organoid-Forschung. Dazu gehörten fortschrittliche Imaging-Systeme für die Live-Beobachtung, automatisierte 3D-Zellkultur-Plattformen sowie Software zur datengesteuerten Auswertung. Die Sonderschau „Live Lab“ und die Digital-Transformation-Area zeigten, wie sich diese Technologien in durchgängige Labor-Workflows integrieren lassen.
Zukunftsperspektiven
Die Experten waren sich einig, dass Organoids eine Brücke zwischen Grundlagenbiologie und klinischer Anwendung schlagen. Mit Fortschritten bei Reife, Vaskularisierung und Automatisierung rücken Anwendungen wie personalisierte Medikamententests oder sogar transplantierbare Gewebe näher. Gleichzeitig unterstreicht die Session die Notwendigkeit standardisierter Protokolle und enger Zusammenarbeit zwischen Akademie und Industrie.
Die analytica 2026 hat mit dieser und weiteren Sessions zum Thema Organoid-Forschung einmal mehr ihre Rolle als internationale Plattform für zukunftsweisende Biotechnologie unterstrichen. Die nächste analytica findet 2028 statt.
