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Analyse: Der unvermeidbare Niedergang der deutschen Chemieindustrie

Die deutsche Chemieindustrie, ein zentraler Motor der Wirtschaft mit einem Umsatz von etwa 221 Milliarden Euro im Jahr 2024, befindet sich Ende 2025 in einer anhaltenden Krise, die durch strukturelle Defizite und externe Drücke verstärkt wird. Die Produktion im dritten Quartal 2025 sank um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal und liegt 1,5 Prozent unter dem Vorjahreswert, während die Kapazitätsauslastung auf 70 Prozent gefallen ist – der niedrigste Stand seit 1991. Der Branchenverband VCI prognostiziert für das Gesamtjahr 2025 eine Stagnation der Produktion in der Chemie- und Pharmaindustrie, mit einem Rückgang von 2 Prozent im Chemiebereich und einem leichten Plus von 0,5 Prozent im Pharmasektor. Umsatz und Erzeugerpreise sollen jeweils um 1 Prozent sinken. Diese Entwicklung markiert den dritten Rezessionsjahr in Folge und birgt Risiken für abhängige Sektoren wie Automobil und Maschinenbau, die rund 40 Prozent der Nachfrage stellen. Der Beschäftigungsstand von etwa 480.000 Personen bleibt vorerst stabil, doch 40 Prozent der Unternehmen melden Auftragsmangel, was zu Stellenstreichungen und Anlagenschließungen führt.

Deutsche Chemie am Ende? Symbolbild. Credits: Unsplash

Globale Konkurrenz: Überkapazitäten und regionale Verschiebungen

Der globale Chemiekontext unterstreicht die zunehmende Marginalisierung Europas, insbesondere Deutschlands. Der Weltmarkt wächst 2025 um 2,1 Prozent, mit einer Verlangsamung auf 1,5 Prozent im Jahr 2026, beeinflusst durch Handelsbarrieren und Nachfrageschwäche. China dominiert mit einem Marktanteil von über 40 Prozent und einem Produktionswachstum von 2,2 Prozent 2025, das auf 3,6 Prozent 2026 ansteigt, trotz Überkapazitäten in Basischemikalien wie Polypropylen und Ethylenglykol. Diese Überkapazitäten – verursacht durch massive Investitionen in Öl-zu-Chemie-Komplexe – führen zu einem Exportanstieg um 14 Prozent bei PVC und drücken Preise weltweit um bis zu 10 Prozent. Chinesische Exporte in die EU stiegen 2025 um weitere 20 Prozent, was europäische Produzenten mit höheren Kosten (bis zu 30 Prozent über chinesischen Niveaus) konfrontiert. Bis 2028 wird China 45 Prozent der globalen Kapazitätsausbauten stellen, was den Druck auf Importabhängige wie Deutschland verstärkt.

Im Gegensatz dazu profitiert die US-Industrie von niedrigen Ethankosten durch Schiefergas, was zu einer Produktionssteigerung von 0,6 Prozent 2025 führt, gefolgt von einem Rückgang auf -0,8 Prozent 2026 aufgrund von Nachfrageschwäche in Endmärkten. Die USA halten 18,6 Prozent des globalen Chemie-R&D-Budgets und exportieren zunehmend in die EU, unterstützt durch den Inflation Reduction Act mit Subventionen für grüne Technologien. Neue Tarife bis zu 60 Prozent auf chinesische Importe könnten den US-Markt weiter stärken, lenken aber Überschüsse nach Europa um und reduzieren den globalen Handel um bis zu 2,4 Prozentpunkte 2026. Europas Marktanteil schrumpft auf unter 14 Prozent, da Exporte stagnieren. Für Deutschland bedeutet dies einen Produktionsrückgang von 1 Prozent 2025, mit einem Verlust von 15 Prozent gegenüber 2018. Konzerne wie BASF verlagern Investitionen: 28 Prozent der globalen Ausgaben 2025–2028 (rund 6,6 Milliarden US-Dollar jährlich) fließen in Asien-Pazifik, darunter 10 Milliarden Euro in den Zhanjiang-Verbundstandort in China, um von lokaler Nachfrage und niedrigeren Kosten zu profitieren. Ähnlich investiert BASF in den USA, wo günstige Feedstocks Vorteile bieten, während europäische Kapazitäten um 20 Prozent reduziert werden. Diese Verlagerungen signalisieren einen Verlust heimischer Wertschöpfung, da der deutsche Sektor nun 20 Prozent unter dem Vorkrisenniveau liegt und Insolvenzen steigen.

Politische Fehlentscheidungen in Deutschland: Energieabhängigkeit und regulatorische Belastungen

Deutsche Politik hat durch langfristige Entscheidungen die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Branche systematisch untergraben. Die Abhängigkeit von russischem Gas (über 50 Prozent 2021) wurde trotz Risiken nicht diversifiziert, was nach 2022 zu Preisanstiegen von bis zu 50 Prozent führte und Produktionskosten in der Chemie um 20–30 Prozent hob. Der Atomausstieg 2023, ohne ausreichende Alternativen, verschärfte dies: Erneuerbare Energien decken nur 50 Prozent der Industriebedarfs, während der Ausbau durch Genehmigungsverzögerungen stockt. Strompreise bleiben doppelt so hoch wie in den USA, trotz der Strompreisbremse (28 Milliarden Euro bis 2028), die nur Teile abdeckt. Hohe CO?-Kosten und EU-Regulierungen wie REACH verzögern Investitionen um Monate bis Jahre, während Abgaben und Steuern die Belastung erhöhen. Politische Unsicherheiten, einschließlich des Koalitionsbruchs 2024 und neuer US-Tarife, hemmen weitere Ausgaben: 57 Prozent der Unternehmen verschieben Investitionen, 17 Prozent geben energieintensive Bereiche auf.

Diese Fehler kulminieren in Schließungen: Dow kündigte Juli 2025 den Abbau von 550 Stellen in Böhlen und Schkopau an, mit Schließung von Chloralkali-, Vinyl- und Steamcracker-Anlagen bis 2027 aufgrund hoher Energiekosten und Überkapazitäten – Teil eines globalen Programms mit 2.000 Stellenabbau. Ineos plant Oktober 2025 die Schließung zweier Rheinberg-Anlagen (175 Jobs), bedingt durch CO?-Kosten und fehlenden Zollschutz. Venator insolvent mit 700 Stellenverlusten, Evonik und BASF streichen Tausende. Insgesamt drohen 40.000 Jobs und 200 Anlagenstilllegungen, mit Dominoeffekten auf Zulieferer. Der VCI fordert eine Chemieagenda 2045 mit 20 Maßnahmen: Stromsteuersenkung, Bürokratieabbau und Investitionspaket. Ohne Korrektur – wie längere Subventionen oder Rohstoffsicherung – zementiert dies die Deindustrialisierung.

Ausblick: Strukturelle Herausforderungen und Reformbedarf

Der Niedergang ist 2025 evident: Globale Überkapazitäten und interne Politikfehler führen zu einem Rückgang von 0,5 Prozent 2025 und weiterem Schrumpfen bis 2026. Innovationen in grüner Chemie und Digitalisierung (z. B. AI für Effizienz) bieten Potenzial, doch 44 Prozent der Firmen kürzen grüne Investitionen. EU-Initiativen wie der Chemicals Action Plan zielen auf Abhängigkeitsreduktion, doch ohne nationale Reformen – bezahlbare Energie, Regulierungsabbau – wird der Sektor bis 2030 20 Prozent Marktanteil verlieren. Dies gefährdet 500.000 Jobs und Exporte von 100 Milliarden Euro. Eine Wende erfordert politischen Handlungsdruck, um den Standort zu sichern.

Quellen