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Alzheimer: Verlust des Geruchssinns als Frühsymptom

Eine neue Studie liefert aufschlussreiche Erkenntnisse darüber, warum der Verlust des Geruchssinns ein frühes Warnzeichen der Alzheimer-Krankheit sein könnte. Forscher haben herausgefunden, dass Immunzellen des Gehirns, sogenannte Mikroglia, gezielt Nervenfasern im Riechkolben angreifen und abbauen, lange bevor typische Alzheimer-Symptome wie Gedächtnisverlust auftreten. Die Ergebnisse, veröffentlicht in Nature Communications, könnten den Weg für neue Früherkennungsmethoden ebnen.

Die Untersuchung, geleitet vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, nutzte ein Alzheimer-Mausmodell, um die frühen Veränderungen im Gehirn zu analysieren. Bereits in einem sehr frühen Stadium, zwischen dem ersten und zweiten Lebensmonat der Mäuse, stellten die Forscher einen fortschreitenden Verlust von Nervenfasern fest, die das Signalstoff Norepinephrin in den Riechkolben transportieren. Dieser Verlust begann mit 14 Prozent nach zwei Monaten und stieg bis zum sechsten Monat auf 33 Prozent an, lange bevor Amyloid-Plaques, ein Kennzeichen von Alzheimer, nachweisbar waren. Andere Hirnregionen wie der Hippocampus oder der präfrontale Kortex blieben in diesem Stadium unbeeinträchtigt.

Die Forscher beobachteten, dass Mikroglia aktiv diese Nervenfasern aufnehmen, die mit einem Molekül namens Phosphatidylserin markiert sind, welches als Signal für den Abbau dient. Diese Überaktivität der Nervenzellen führt dazu, dass das Molekül an die Zelloberfläche gelangt und die Mikroglia zur Phagozytose anregt. Durch die Entfernung eines spezifischen Proteins (TSPO), das die Mikroglia für diesen Prozess benötigen, konnte der Faserverlust verhindert und die Geruchsfunktion der Mäuse erhalten werden.

Ergänzende Untersuchungen an menschlichem Gehirngewebe und Bildgebungsstudien bestätigten die Ergebnisse. Bei Personen mit frühem Alzheimer zeigte sich ein Rückgang der Norepinephrin-produzierenden Fasern im Riechkolben im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen. Zudem wies die Bildgebung bei Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung eine erhöhte Aktivität von Immunzellen im Riechkolben auf, was auf ein frühes Krankheitsstadium hindeutet. Betroffene schnitten in Geruchstests schlechter ab als gesunde Personen oder solche mit leichter kognitiver Beeinträchtigung.

Die Studie legt nahe, dass einfache Geruchstests in Kombination mit bildgebenden Verfahren wie TSPO-PET-Scans die Früherkennung von Alzheimer verbessern könnten, da der Geruchsverlust spezifisch mit dem Abbau von Norepinephrin-Fasern verbunden ist und nicht mit anderen Neurotransmitter-Systemen wie Acetylcholin oder Serotonin. Dies unterscheidet Alzheimer von anderen Erkrankungen wie Parkinson, bei denen andere Mechanismen den Geruchsverlust verursachen.

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es Einschränkungen. Die Studie basiert auf einem Mausmodell und einer begrenzten Anzahl menschlicher Gewebeproben. Zudem können post-mortem-Analysen die Krankheitsprogression nicht dynamisch abbilden. Die Forscher betonen, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um die Ergebnisse zu bestätigen und mögliche therapeutische Ansätze zu entwickeln, die den frühen Nervenabbau verhindern könnten.

Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Geruchsverlust nicht nur ein Symptom, sondern ein aktiver Prozess ist, der durch das Immunsystem des Gehirns angetrieben wird. Dies eröffnet neue Perspektiven für die Früherkennung und möglicherweise für präventive Maßnahmen, bevor schwerwiegendere Symptome wie Gedächtnisverlust auftreten.