Zum Inhalt springen
Home » ABDA auf Kollisionskurs mit der Labormedizin

ABDA auf Kollisionskurs mit der Labormedizin

Die aktuelle Debatte um die Ausweitung diagnostischer Leistungen in Apotheken offenbart grundlegende Konflikte im deutschen Gesundheitssystem. Der Referentenentwurf zum Apothekenreformgesetz (ApoRG) sieht vor, dass Apotheken künftig patientennahe in-vitro-diagnostische Schnelltests für Erreger wie Adenoviren, Influenzaviren, Noroviren, RSV und Rotaviren durchführen dürfen[1].

Qualitätssicherung und Standards

Die Labormediziner äußern massive Bedenken hinsichtlich der Qualitätssicherung. Point-of-Care-Testing (POCT) in Apotheken erreicht nicht die analytische Qualität medizinischer Labore[2]. Während für Arztpraxen strenge Qualitätskriterien durch den Gemeinsamen Bundesausschuss gelten, existieren für Apotheken keine vergleichbaren verbindlichen Regelungen[2].

Wirtschaftliche Aspekte

Die Kostenstruktur spricht gegen eine Verlagerung der Diagnostik in Apotheken. Eine Blutzuckerbestimmung unter POCT-Bedingungen würde von Apotheken für 4-5 Euro privat abgerechnet, während Labore dafür nur 0,25 Euro erhalten[2]. Die geplante Laborreform sieht zudem ab 2025 eine Kürzung der Kostenerstattung um etwa 9 Prozent vor[7].

Medizinische Grenzen

Für eine fundierte Diagnostik sind folgende Parameter relevant:

Blutwerte (Normwerte):
– Nüchternblutzucker: ? 100 mg/dl
– HbA1c: 4-6%
– Hämatokrit: 35-47% (Frauen), 40-52% (Männer)[4]

Urindiagnostik:
– pH-Wert: 5-6
– Proteine
– Glucose
– Nitrit[6]

Rechtliche und strukturelle Bedenken

Der Berufsverband der Akkreditierten Labore (ALM) warnt vor einer „Fehlleitung für die Zukunft“[3]. Apotheker können weder eine vollständige Anamnese durchführen noch eine Therapie einleiten[3]. Besonders kritisch wird die Kombination aus Testbefugnis und Werbeerlaubnis gesehen, da dies zu medizinisch nicht indizierten Untersuchungen führen könnte[8].

Die Meldepflicht nach Infektionsschutzgesetz bei positiven Erregernachweisen ist im Gesetzentwurf nicht ausreichend geregelt[1]. Experten der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) befürchten ein Underreporting meldepflichtiger Infektionen[8].

Quellen:


[1] Labormediziner kritisieren künftige Testmöglichkeiten in Apotheken https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2024/06/17/alm-labordiagnostik-gehoert-in-aerztliche-haende
[2] Laborärzte gegen Apotheken-Diagnostik https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2023/11/03/laboraerzte-gegen-apotheken-diagnostik
[3] Labore wenden sich gegen Diagnostik in Apotheken | G+G – AOK https://www.aok.de/pp/gg/update/alm-gegen-diagnostik-in-apotheken/
[4] Blutwerte: Bedeutungen & Normwerte (Tabelle) | praktischArzt https://www.praktischarzt.de/untersuchungen/blutuntersuchung/blutwerte/
[5] Blutuntersuchungen: Das ist zu beachten – Pharmazeutische Zeitung https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-202011/das-ist-zu-beachten/
[6] Urintests – das müssen Sie wissen – Probatix Health https://probatix.de/de/wissen/gesundheitstest/urintests/
[7] ALM schlägt Alarm bei Laborreform und Apothekengesetz https://transkript.de/laborwelt-artikel/2024/alm-schlaegt-alarm-bei-laborreform-und-apothekengesetz/
[8] Laborärzte kritisieren geplante Testbefugnisse für Apotheken https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/152591/Laboraerzte-kritisieren-geplante-Testbefugnisse-fuer-Apotheken

Credits: Pexels