Der Entwurf der GOÄneu (948 Seiten, vom 129. Deutschen Ärztetag Mai 2025 mit 212:19:8 Stimmen gebilligt, seit Juni 2025 beim BMG) stößt trotz breiter Mehrheit auf anhaltende und teils vehemente Kritik – vor allem aus technisch-diagnostischen und apparateintensiven Fachgruppen. Die Kritikpunkte sind seit 2024/2025 bekannt, wurden im Clearingverfahren (Oktober 2024 – Mai 2025) teilweise adressiert, aber viele bleiben bestehen. Eine Online-Petition „Stoppen der Novellierung der GOÄneu“ lief bis Juli 2025 und sammelte Tausende Unterschriften.
1. Massive Honorarkürzungen in technischen Fächern (Hauptkritikpunkt)
- Radiologie, Nuklearmedizin, Labormedizin, Pathologie: Bis zu -29 % bei technisch-diagnostischen Leistungen (z. B. Bildgebung, Laboranalysen) im Vergleich zur alten GOÄ.
? Berufsverband der Deutschen Radiologie (BDR), Radiologen Initiative Westfalen-Lippe (RIWL), Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL), Berufsverband der Pathologinnen und Pathologen (BDP) sprechen von „Abstrafung“ und „existentieller Bedrohung“.
? Begründung: Hohe Investitionen in Geräte und Infrastruktur werden nicht ausreichend berücksichtigt; Umverteilung zu „sprechender Medizin“ (Anamnese, Beratung, Koordination) zulasten apparativer Leistungen. - Orthopädie/Unfallchirurgie, Chirurgie, Urologie, Augenheilkunde, Gynäkologie: Deutliche Mindererlöse bei operativen und interventionellen Leistungen; fehlende Nachvollziehbarkeit der Kürzungen.
- Gesamteinschätzung: Gesamthonorarvolumen steigt um +13,2 % in den ersten drei Jahren (Kompromiss mit PKV), aber Umverteilung innerhalb der Ärzteschaft führt zu Gewinnern (hausarztnahe, internistische, pädiatrische, neurologische, psychiatrische Fächer) und Verlierern (technische Fächer).
2. Fehlende Transparenz und unzureichende Einbeziehung der Fachgruppen
- Verhandlungen hauptsächlich zwischen BÄK, PKV-Verband und Beihilfe seit 2021; arzteigene Bewertungsversion (Ende 2021) wurde stark angepasst, ohne dass alle Fachverbände durchgehend einbezogen waren.
? Kritik von über 40 Organisationen/Fachgesellschaften (Bündnis „GOÄneu – So nicht!“ mit 39 Mitgliedern vor dem Ärztetag).
? Intransparenz bei der Absenkung von arzteigenen Bewertungen zur konsentierten Version; Folgenabschätzungen der BÄK/PKV wurden von Kritikern als unzutreffend bezeichnet. - Clearingverfahren (2024/2025) half teilweise, aber viele Unstimmigkeiten blieben ungelöst.
3. Wegfall bewährter Flexibilitätsinstrumente
- Keine Steigerungsfaktoren mehr (bisher 1,0–3,5; Standard 2,3); stattdessen feste Euro-Sätze + standardisierte Erschwerniszuschläge.
? Kritik: Weniger Abbildung individuellen Aufwands, Schwierigkeit, Zeitdruck oder Komplexität zu honorieren ? „Starre Budgetierung light“. - Analogleistungen weitgehend entfallen (durch Erweiterung auf ~5.500 Positionen); neue Leistungen sollen über GeKo (Gemeinsame Kommission) kommen.
? Bedenken: Zu langsame Anpassung an Innovationen; Risiko, dass GeKo zu Mengen- oder Bewertungsabwertungen führt, wenn Volumen überschritten wird.
4. Kein echter Inflationsausgleich und langfristige Risiken
- Nach 67 % Inflation seit 1996 nur +13,2 % in drei Jahren ? kein echter Realwertausgleich (Freie Ärzteschaft Nordrhein).
? Risiken von Inflation, Morbiditätssteigerung und Innovationen werden auf die Ärzteschaft abgewälzt. - Gefahr der Budgetierung: GeKo könnte prospektiv Abwertungsmechanismen einführen ? Annäherung an GKV-System (EBM), was die Freiberuflichkeit der Privatmedizin gefährdet.
5. Weitere fachspezifische und systemische Kritik
- Fehlende spezielle Ziffern für Patientenberatung und ePA-Befüllung durch Labormediziner/Pathologen (wichtig seit Corona).
- Nicht ausreichende Berücksichtigung von Digitalisierungsinfrastruktur und Flächenversorgung.
- Zahnärzteschaft (BZÄK): GOÄneu keine Blaupause für GOZ; fehlende sachgerechte Regelungen im Paragraphenteil.
Aktueller Stand März 2026
- Trotz Kritik: BÄK und PKV halten am Entwurf fest; Ministerin Warken plant Regelungsentwurf Mitte 2026, Inkrafttreten 2027 möglich.
- BÄK betont: Kompromiss war notwendig, um überhaupt eine Novelle zu erreichen; alte GOÄ ist „rechtlich an Grenzen des Statthaften“.
- Kritiker (z. B. Radiologen, Laborärzte): „Besser alte GOÄ als schlechtere neue“; Petition und Fachverbands-Statements laufen weiter.
Fazit: Die GOÄneu modernisiert und schafft Rechtssicherheit, aber die Umverteilung von technisch-apparativen zu sprechenden/koordinierenden Leistungen spaltet die Ärzteschaft massiv. Technische Fächer sehen ihre Existenz bedroht, während hausarzt- und beratungsnahe Fächer profitieren. Die Debatte ist emotional und anhaltend – eine finale politische Entscheidung steht noch aus.
Quellen (verifiziert Stand März 2026): Deutsches Ärzteblatt, Ärzte Zeitung, BÄK-Website & Faktencheck-Papier (Mai 2025), PKV-Verband, BDR/BDL/RIWL-Pressemitteilungen, Bündnis „GOÄneu – So nicht!“, Freie Ärzteschaft, Univadis, Medas, Abrechnungsstelle.com.
