Ein internationales Expertengremium unter Beteiligung von Prof. Stephan C. Bischoff (Universität Hohenheim) hat den Begriff „Darmgesundheit“ erstmals wissenschaftlich präzise definiert. Die Klarstellung, veröffentlicht in Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology, soll dem bisherigen Begriffs-Wirrwarr in Medizin, Forschung, Medien und Marketing ein Ende setzen und vergleichbare Standards schaffen.
Definition von Darmgesundheit
Darmgesundheit wird als „Zustand normaler Magen-Darm-Funktion ohne aktive Magen-Darm-Erkrankungen oder darmbezogene Symptome, die die Lebensqualität beeinträchtigen“ beschrieben. Diese Definition umfasst somit sowohl objektive funktionelle Aspekte als auch das subjektive Wohlbefinden der Betroffenen.
Hintergrund und Relevanz
Der Begriff „Darmgesundheit“ wird inflationär verwendet – von Joghurt-Werbung über Probiotika-Claims bis hin zu Erklärungen für Allergien, Depressionen oder Verdauungsbeschwerden –, ohne einheitliche Bedeutung. Das erschwert Vergleichbarkeit von Studienergebnissen und birgt das Risiko irreführender Marketingaussagen. Zudem korrelieren objektive Befunde (z. B. Mikrobiom-Analysen) oft nur schwach mit dem subjektiven Befinden: Manche Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen fühlen sich in Remission gesund, andere leiden trotz unauffälliger Befunde unter Symptomen.
Das Gremium der International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP), das im September 2024 tagte, betont: Eine valide Beurteilung der Darmgesundheit erfordert die Kombination aus
- subjektiven Symptomen und Lebensqualität,
- objektiven klinischen und funktionellen Messungen.
Aktueller Stand der Messmethoden
Viele gängige Tests (z. B. Mikrobiom-Sequenzierung, Permeabilitätsmarker, Entzündungsparameter) sind derzeit nicht ausreichend validiert oder zeigen nur begrenzte Korrelation mit klinischen Endpunkten. Das Konsenspapier skizziert praktikable, klinisch relevante Ansätze zur Bewertung, fordert aber dringend weitere Forschung – insbesondere zu zuverlässigen, validierten Biomarkern und funktionellen Tests.
Einschätzung
Stärken der Definition
- Klare Abgrenzung zu reinen Mikrobiom- oder Symptom-basierten Ansätzen
- Berücksichtigung des subjektiven Erlebens – essenziell für patientenzentrierte Medizin
- Hohe Relevanz für Regulierung von Health-Claims (z. B. EU-Novel-Food/Health-Claims-Verordnung) und Vermeidung irreführender Werbung
- Grundlage für standardisierte Endpunkte in zukünftigen Studien zu Probiotika, Präbiotika, Ernährung und Darm-Mikrobiom-Interventionen
Herausforderungen
- Fehlende validierte Routinetests ? aktuelle Diagnostik bleibt oft unspezifisch
- Hoher Forschungsbedarf bei der Korrelation zwischen Mikrobiom, Darmbarriere, Immunfunktion und Lebensqualität
- Umsetzung in der Praxis: Wie kann „Darmgesundheit“ kostengünstig und reproduzierbar gemessen werden?
Das Konsenspapier markiert einen wichtigen Meilenstein: Es schafft erstmals einen wissenschaftlich fundierten, international abgestimmten Referenzrahmen – ein entscheidender Schritt für evidenzbasierte Ernährungsmedizin, Prävention und verantwortungsvolle Kommunikation rund um den Darm.
Quelle
Marco, M.L., Cunningham, M., Bischoff, S.C. et al. The International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP) consensus statement on the definition and scope of gut health. Nat Rev Gastroenterol Hepatol (2026). https://doi.org/10.1038/s41575-026-01176-x
Universität Hohenheim Pressemitteilung (2. März 2026)
