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Lab Explainer: Folsäure (Vitamin B9)

Folsäure, auch als Folat oder Vitamin B9 bekannt, ist ein wasserlösliches B-Vitamin, das für die Zellteilung, die DNA-Synthese, die Blutbildung und den Homocystein-Stoffwechsel essenziell ist. Es kommt in der Nahrung natürlich als Folat vor (z. B. in Blattgemüse), während Folsäure die synthetische, stabile Form ist, die in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln verwendet wird. Der Körper wandelt beide Formen in die aktive Coenzym-Form (Tetrahydrofolat) um.

Folsäure ist besonders kritisch in Phasen hoher Zellteilungsrate – wie in der Schwangerschaft, beim Wachstum oder bei der Blutbildung. Ein Mangel entwickelt sich meist schleichend über Monate, da der Körper nur begrenzte Speicher (ca. 3–6 Monate) hat. In Deutschland ist eine Unterversorgung weit verbreitet, ein echter schwerer Mangel jedoch seltener.

Normalwerte und Bedarf

Die empfohlene tägliche Zufuhr (DGE, Stand 2024/2025) beträgt:

  • Erwachsene ab 13 Jahren: 300 µg Folat-Äquivalente pro Tag
  • Schwangere: 550 µg (plus 400 µg Supplementierung zusätzlich empfohlen)
  • Stillende: 450 µg
  • Frauen mit Kinderwunsch: 400 µg (davon mindestens 400 µg als Supplement, um Neuralrohrdefekte zu verhindern)

Serum-Folsäure-Werte (Labor-Referenzbereiche, ungefähre Orientierung):

  • Optimal / ausreichend: > 5–6 ng/ml (manchmal > 7 ng/ml)
  • Grenzwertig: 3–5 ng/ml
  • Mangel: < 3 ng/ml (oft < 2 ng/ml als klarer Mangel definiert)

Zusätzlich wird bei Verdacht auf Mangel oft der Homocystein-Wert (erhöht bei Folat-Mangel) und Methylmalonsäure (zur Abgrenzung von B12-Mangel) bestimmt. Die Messung erfolgt im Serum oder Plasma.

Wie entsteht ein Folsäuremangel?

Der Mangel entsteht meist durch eine Kombination aus zu geringer Aufnahme und erhöhtem Bedarf oder gestörter Verwertung:

Häufigste Ursachen (erworben):

  • Einseitige oder folsäurearme Ernährung (wenig Gemüse, viel Fertigprodukte, starkes Kochen zerstört Folat)
  • Chronischer Alkoholkonsum (hemmt Aufnahme und Verwertung)
  • Erhöhter Bedarf: Schwangerschaft, Stillzeit, Wachstumsphasen, hämolytische Anämien, Tumorerkrankungen, Schuppenflechte
  • Malabsorption: Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, nach Magen-Darm-Operationen
  • Medikamente: Methotrexat (Rheuma/Chemotherapie), Antiepileptika (Phenytoin, Carbamazepin), Sulfasalazin, Trimethoprim, Protonenpumpenhemmer (langfristig), Metformin
  • Starkes Rauchen, hoher Kaffee- oder Teekonsum

Seltene genetische Ursachen:

  • Polymorphismen im MTHFR-Gen (z. B. 677C>T), die die Umwandlung in die aktive Form erschweren ? oft nur in Kombination mit unzureichender Zufuhr klinisch relevant

Im Gegensatz zu Vitamin B12 speichert der Körper Folat nur wenig – ein Mangel kann daher schon nach 3–4 Monaten Unterversorgung entstehen.

Symptome eines Folsäuremangels

Die Symptome ähneln stark denen eines Vitamin-B12-Mangels, da beide zu einer megaloblastären Anämie führen (große, unreife rote Blutkörperchen). Allerdings fehlen bei reinem Folat-Mangel meist die schweren neurologischen Schäden (die typisch für B12-Mangel sind).

Frühe / unspezifische Symptome (häufig zuerst):

  • Starke Müdigkeit, Erschöpfung, Leistungsknick
  • Konzentrationsstörungen, „Brain Fog“, Vergesslichkeit
  • Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, leichte depressive Verstimmungen
  • Appetitlosigkeit, leichter Gewichtsverlust

Hämatologische Symptome (durch megaloblastäre Anämie):

  • Blässe (Haut, Schleimhäute, Nagelbetten)
  • Kurzatmigkeit, Atemnot bei Belastung
  • Schneller Puls (Tachykardie), Herzklopfen
  • Schwindel, Benommenheit, Schwäche
  • Manchmal leichte Gelbfärbung der Haut/Skleren (durch Abbau unreifer Blutzellen)

Mund- und Schleimhaut-Symptome (sehr charakteristisch):

  • Entzündete, rote, glatte, brennende Zunge (Glossitis, Hunter-Glossitis-ähnlich)
  • Zungenkribbeln, Zungenbrennen
  • Mundwinkelrhagaden, Aphthen, entzündete Mundschleimhaut
  • Eingeschränkter Geschmackssinn

Weitere Symptome (bei längerem / schwerem Mangel):

  • Durchfall, Verdauungsstörungen
  • Erhöhte Infektanfälligkeit (durch gestörte weiße Blutkörperchen)
  • Erhöhte Blutungsneigung (Thrombozytenmangel)
  • In schweren Fällen: Verwirrtheit, Depressionen, Demenz-ähnliche Zustände (reversibel bei früher Therapie)

Wichtig: Neurologische Symptome wie Kribbeln/Taubheit in Händen/Füßen oder Gangunsicherheit sind bei isoliertem Folat-Mangel selten – sie deuten meist auf einen kombinierten B12-Mangel hin. Bei Schwangeren kann ein Mangel ohne Symptome bei der Mutter zu Neuralrohrdefekten (offener Rücken, Anenzephalie) beim Kind führen.

Gesundheitliche Bedeutung und Folgen

  • Erhöhtes Homocystein ? potenziell höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ob kausal, ist umstritten)
  • Schwangerschaft: Bis zu 70 % Reduktion des Risikos für Neuralrohrdefekte durch präkonzeptionelle Supplementierung
  • Langfristig: Chronische Unterversorgung kann Wachstumsstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und Anämie fördern

Aktuelle Leitlinien (DGE, BfR 2024) empfehlen keine generelle Supplementierung bei Gesunden, aber gezielt bei Risikogruppen (Schwangerschaft, Malabsorption, Medikamente).

Wie senkt man einen Folsäuremangel?

Therapie:

  1. Ursachenbeseitigung (z. B. Alkohol reduzieren, Medikamente anpassen, Grunderkrankung behandeln)
  2. Supplementierung: Oral 400–1000 µg Folsäure/Tag (bei Anämie oft 5 mg/Tag für 1–4 Monate)
  • Bei MTHFR-Polymorphismus: Oft besser auf Methylfolat (5-MTHF) ansprechen
  1. Ernährungsumstellung: Täglich grünes Blattgemüse (Spinat, Feldsalat, Brokkoli), Hülsenfrüchte, Vollkorn, Leber, Nüsse, Zitrusfrüchte

Große Studien zeigen: Supplementierung senkt Homocystein effektiv, verhindert Neuralrohrdefekte, behebt Anämie – aber kein klarer Nutzen bei Primärprävention von Herzinfarkt/Schlaganfall bei Normalversorgten.

Wann sollte man den Wert bestimmen lassen?

  • Bei megaloblastärer Anämie (MCV >100 fl)
  • Müdigkeit + Blässe + Zungenbrennen
  • Schwangerschaft / Kinderwunsch
  • Chronische Darmerkrankungen, Alkoholprobleme
  • Langfristige Einnahme von Risiko-Medikamenten
  • Erhöhtem Homocystein-Wert

Diagnostik: Immer Vitamin B12 mitbestimmen – beide Mängel treten oft kombiniert auf.

Fazit

Folsäure ist ein unterschätztes Vitamin: Ein Mangel ist in Deutschland häufig, verursacht aber meist unspezifische Symptome wie Müdigkeit und Anämie. Besonders kritisch ist er in der Schwangerschaft. Die gute Nachricht: Er ist einfach zu diagnostizieren und meist schnell und sicher zu behandeln – durch Ernährung und/oder Tabletten. Bei Verdacht immer Blutwerte prüfen lassen, da Symptome unspezifisch sind und andere Ursachen (z. B. Eisen- oder B12-Mangel) ausgeschlossen werden müssen.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung oder Laboruntersuchung.

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