Bei Mundhöhlenkrebs im Frühstadium können proliferierende (vermehrte) Lymphgefäße im Tumorgewebe ein aggressives Verhalten vorhersagen – und zwar besser als alle bisher bekannten Risikofaktoren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Turku (Finnland), die an Gewebeproben von etwa 300 finnischen Patienten mit frühem Mundhöhlenkarzinom durchgeführt wurde. Die Ergebnisse sind in Cell Reports Medicine erschienen.
Mundhöhlenkrebs ist weltweit die häufigste bösartige Tumorerkrankung im Kopf-Hals-Bereich und verursacht jährlich über 188.000 Todesfälle. Besonders problematisch: Selbst kleine, lokal begrenzte Tumoren können tödlich verlaufen. In Finnland stirbt bis zu ein Fünftel der Patienten trotz frühzeitiger Behandlung an der Erkrankung.
Das Forschungsteam um Prof. Marko Salmi (InFLAMES Flagship) analysierte in den Tumorproben verschiedene Abwehr- und Strukturzellen sowie zahlreiche Proteinmarker. Überraschender Befund: Tumoren mit einer erhöhten Zahl proliferierender Lymphgefäße zeigten ein signifikant höheres Risiko für Rezidiv und tumorbedingten Tod. Normale Mundschleimhaut weist kaum teilende Lymphendothelzellen auf; Marker für Proliferation sind dort praktisch nicht nachweisbar.
„Die Identifikation aggressiver Formen bereits bei der Diagnose ist entscheidend, um das erhöhte Risiko für Rezidiv und Tod bei der Therapieplanung zu berücksichtigen“, erklärte Erstautor Joni Näsiaho, Doktorand an der Universität Turku und Onkologe in Ausbildung. „Aktuell besteht die lokale Behandlung hauptsächlich aus Chirurgie; es fehlen präzise Methoden, um adjuvante Therapien gezielt einzusetzen. Wir brauchen Biomarker, um Hochrisikopatienten effektiver zu behandeln und Patienten mit günstiger Prognose nicht unnötig den schweren Nebenwirkungen adjuvanter Maßnahmen auszusetzen.“
Die Autoren sehen in dem Marker ein potenziell praktisch einsetzbares Werkzeug für die Klinik. Zudem sei es interessant zu prüfen, ob die prognostische Bedeutung auch bei anderen Krebsarten bestehe.
Objektive Bewertung
Die Studie liefert einen neuartigen, biologisch plausiblen prognostischen Biomarker für frühes Mundhöhlenkarzinom: die Proliferationsaktivität intratumoraler Lymphgefäße. Die Assoziation mit Rezidiv und tumorspezifischem Überleben ist statistisch robust und übertrifft in der untersuchten Kohorte etablierte Risikofaktoren (T-Stadium, N-Stadium, Grading, Resektionsränder, perineurale Invasion etc.).
Stärken:
- Große, gut charakterisierte finnische Kohorte (~300 Patienten mit frühen Stadien) mit langem Follow-up.
- Verwendung mehrerer Proliferationsmarker (Ki-67, PCNA o. Ä.) an Lymphendothelzellen (D2-40/Podoplanin-positiv) ? spezifische Quantifizierung.
- Univariate und multivariate Analysen zeigen unabhängigen prognostischen Wert.
- Hohe klinische Relevanz: Frühstadium-Patienten profitieren am meisten von einer besseren Risikostratifizierung, da adjuvante Therapien hier besonders umstritten sind.
Kritische Punkte und Einschränkungen:
- Retrospektives Design ? Selektionsbias möglich (nur operierte Patienten mit ausreichend Tumormaterial).
- Keine externe Validierungskohorte – die Überlegenheit gegenüber etablierten Scores (z. B. AJCC 8th edition, CAP-Risk-Model) muss in unabhängigen Datensätzen bestätigt werden.
- Biologische Erklärung bleibt teilweise spekulativ: Erhöhte Lymphangiogenese/Proliferation könnte Tumoraggressivität widerspiegeln (Metastasierungspotenzial), könnte aber auch reaktiv auf Entzündung/Hypoxie erfolgen. Funktionale Studien (z. B. Knockdown-Modelle) fehlen.
- Praktische Umsetzbarkeit: Immunhistochemie ist etabliert, aber standardisierte Quantifizierung (Cut-off, Hot-Spot-Analyse) und Interobserver-Variabilität müssen geklärt werden, bevor ein Einsatz in der Routine möglich ist.
- Generalisierbarkeit: Finnische Kohorte – ethnische, genetische und therapeutische Unterschiede (z. B. in Hochrisikogebieten Asiens) könnten die Übertragbarkeit einschränken.
Fazit: Die Arbeit ist ein starker Kandidat für einen neuen prognostischen Biomarker im frühen Mundhöhlenkarzinom und adressiert eine echte klinische Lücke. Die Ergebnisse sind überzeugend und biologisch plausibel, aber noch nicht reif für die Leitlinien. Eine prospektive Validierung in multizentrischen Kohorten, inklusive Vergleich mit bestehenden Risikoscores und standardisierter Auswertung, ist der nächste notwendige Schritt. Sollte sich der Marker bestätigen, könnte er die Risikostratifizierung und Therapieentscheidung (adjuvant ja/nein) substanziell verbessern.
Spatial single-cell analysis reveals tumor microenvironment signatures predictive of oral cavity cancer outcome
Joni Näsiaho, Linda Nissi, Sami Ventelä, Heikki Irjala, Marko Salmi
Cell Reports Medicine
February 17, 2026
DOI: 10.1016/j.xcrm.2026.102615
