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Alkoholkonsum in der Frühschwangerschaft objektiv sehr niedrig

Eine multizentrische Studie aus Irland hat erstmals objektive Laborwerte zum Alkoholkonsum in der Frühschwangerschaft erhoben. In Urinproben von 1.053 Frauen um die 13. Schwangerschaftswoche fand sich kein einziger positiver Nachweis von Ethanol (direkter Alkoholmetabolit). Nur vier Proben (0,4 %) waren positiv für Ethylglucuronid (EtG), einen länger nachweisbaren Alkoholmarker (bis 24–80 Stunden nach Konsum). Die Ergebnisse wurden heute in der Fachzeitschrift Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica veröffentlicht.

Bisherige Schätzungen zum Alkoholkonsum Schwangerer in Irland basierten ausschließlich auf Selbstauskünften in Fragebögen und lagen zwischen 20 und 60 Prozent. Einige Studien extrapolierten daraus eine der weltweit höchsten Prävalenzen des fetalen Alkoholsyndroms (FASD). Die neue Untersuchung widerlegt diese Annahmen weitgehend: Der tatsächliche Konsum in der Frühschwangerschaft ist nach objektiven Messungen extrem niedrig.

Die Studie wurde an einer städtischen Klinik (National Maternity Hospital, Dublin) sowie zwei semi-ländlichen Krankenhäusern (Wexford General Hospital, St Luke’s Hospital Kilkenny) durchgeführt. Teilgenommen haben Frauen ab 18 Jahren bei der Routineuntersuchung um die 13. Woche. Die Akzeptanz war hoch: 84 Prozent stimmten der anonymen Urintestung zu.

„Dies ist eine objektive Messung des Alkoholkonsums und die Testung war für die Frauen sehr akzeptabel“, erklärte Seniorautorin Prof. Fionnuala McAuliffe, Direktorin des UCD Perinatal Research Centre und Expertin für perinatale Gesundheit. „Es gibt keine sichere Alkoholmenge in der Schwangerschaft, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Frauen die öffentlichen Gesundheitsempfehlungen in der Frühschwangerschaft beherzigt.“

Co-Autor Prof. Aiden McCormick, Leberspezialist am St Vincent’s University Hospital, betonte: „Das fetale Alkoholspektrumstörung gilt als häufigste vermeidbare Ursache neuroentwicklungsbedingter Beeinträchtigungen. Unsere Daten sind ermutigend: Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist in Irland seltener als befürchtet.“

Die Forschenden sehen in der EtG-Bestimmung ein geeignetes Screening-Tool, um Frauen mit potenziellem Risiko frühzeitig zu identifizieren und Unterstützung anzubieten. Ziel sei es, Systeme zur frühen Erkennung, Rückmeldung und Begleitung zu entwickeln, um FASD zu verhindern.

Objektive Bewertung
Die Studie liefert erstmals in Irland objektive Biomarker-Daten zum Alkoholkonsum in der Frühschwangerschaft und ist methodisch solide durchgeführt: große Stichprobe (n=1.053), hohe Teilnahmerate (84 %), multizentrisches Design und Verwendung etablierter Marker (Ethanol + EtG). Die Ergebnisse sind klar und überraschend niedrig – sie widersprechen deutlich früheren, auf Selbstauskünften basierenden Schätzungen von 20–60 %.

Stärken:

  • Objektive Messung statt subjektiver Berichte ? höhere Validität.
  • EtG erfasst Konsum bis zu 80 Stunden rückwirkend ? guter Marker für episodischen Gebrauch.
  • Sehr hohe Akzeptanz der Testung ? spricht für Machbarkeit eines Screenings.
  • Multicenter-Ansatz (urban + semi-rural) erhöht Repräsentativität.

Kritische Punkte und Einschränkungen:

  • Der Testzeitpunkt (~13. SSW) erfasst nur die Frühschwangerschaft. Späterer Konsum (z. B. nach Bekanntwerden der Schwangerschaft) ist nicht ausgeschlossen.
  • EtG ist sensitiv, aber nicht perfekt: Falsch-positive Ergebnisse durch z. B. Mundspülungen oder bestimmte Lebensmittel sind möglich (wenn auch selten). Falsch-negative bei sehr geringem oder lang zurückliegendem Konsum ebenfalls.
  • 0,4 % EtG-Positive entsprechen nur 4 Fällen – statistisch robuste Aussagen zu Risikogruppen oder Prädiktoren sind damit kaum möglich.
  • Keine Angaben zu Cut-off-Werten, Sensitivität/Spezifität oder Validierung gegen Selbstangaben in der Kohorte ? unklar, ob leichter Konsum wirklich vollständig erfasst wird.
  • Die Studie ist deskriptiv; sie zeigt keine Interventionseffekte oder Langzeitfolgen.

Fazit: Die Arbeit ist ein wichtiger methodischer Fortschritt und liefert beruhigende, objektive Daten: Alkoholkonsum in der Frühschwangerschaft ist in Irland nach Laborbefunden extrem selten. Sie widerlegt alarmistische Extrapolationen aus Fragebogenstudien und stärkt die Evidenz, dass die meisten Frauen die „kein Alkohol in der Schwangerschaft“-Botschaft umsetzen. Für ein flächendeckendes Screening fehlen jedoch noch Daten zur Kosten-Nutzen-Relation, zur Erfassung späteren Konsums und zur Wirksamkeit früher Interventionen. Die Studie ist ein solider Baustein, aber kein endgültiger Beweis für „sehr niedrigen“ Konsum über die gesamte Schwangerschaft.

https://obgyn.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/aogs.70164

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