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Psychedelika verstärken Zugriff auf Gedächtnisinhalte – neue Erklärung für Halluzinationen

Forscher der Ruhr-Universität Bochum, der Hong Kong Baptist University und weiterer Partner haben im Tiermodell erstmals hochaufgelöste Bilder der Gehirnaktivität nach Gabe psychedelischer Substanzen erstellt. Die Ergebnisse zeigen, wie diese Stoffe Wahrnehmung und Bewusstsein verändern und könnten erklären, warum visuelle Halluzinationen entstehen.

Psychedelika binden vor allem an den Serotonin-2A-Rezeptor, der im visuellen Kortex hemmend wirkt und Lernprozesse beeinflusst. Dadurch wird die Verarbeitung aktueller Sehinformationen aus der Außenwelt erschwert. Das Gehirn kompensiert diese Lücke, indem es verstärkt auf gespeicherte Gedächtnisinhalte und Assoziationen zurückgreift – ein Mechanismus, der Halluzinationen begünstigt.

Die Studie zeigt, dass Psychedelika in visuellen Hirnarealen niederfrequente Oszillationen im 5-Hz-Bereich intensivieren. Diese synchronisierten Aktivitätswellen fördern die Kommunikation mit dem retrosplenialen Kortex, einem Gebiet, das als Brücke für den Abruf gespeicherter Informationen dient. Das Gehirn wechselt dadurch in einen Modus, der weniger auf aktuelle Reize reagiert und stattdessen Wahrnehmungen aus inneren Gedächtnisquellen generiert – vergleichbar mit einem partiellen Traumzustand.

Die Aufnahmen wurden mit einem optischen Verfahren in Echtzeit über größere Gehirnoberflächen erstellt. Genetisch modifizierte Mäuse exprimierten fluoreszente Marker in spezifischen Pyramidalzellen der kortikalen Schichten 2/3 und 5, die für die Kommunikation innerhalb und zwischen Hirnregionen verantwortlich sind. So konnten die Forscher die Dynamik der neuronalen Aktivität präzise visualisieren.

Die Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Angststörungen und Depressionen unterstützen. Unter kontrollierter medizinischer Aufsicht könnten psychedelische Substanzen genutzt werden, um das Gehirn vorübergehend in einen Zustand zu versetzen, der positive Gedächtnisinhalte aktiviert und negative Denkmuster umstrukturiert. Solche Ansätze eröffnen Perspektiven für personalisierte psychotherapeutische Verfahren.

Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Communications Biology. Sie wurde unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Graduiertenkollegs „Monoaminergic Neuronal Networks & Disease“ und des Sonderforschungsbereichs 874 gefördert.

Originalpublikation:

Callum M. White, Zohre Azimi, Robert Staadt, Chenchen Song, Thomas Knöpfel, Dirk Jancke: Psychedelic 5-HT2A Agonist Increases Spontaneous and Evoked 5-Hz Oscillations in Visual and Retrosplenial Cortex, in: Communications Biology, 2026, DOI: 10.1038/s42003-025-09492-9, https://www.nature.com/articles/s42003-025-09492-9

Dirk Jancke (links) und Callum White haben für das Paper zusammengearbeitet.

Copyright: © RUB, Marquard
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