Die Ausbildung zur Physiotherapeutin oder zum Physiotherapeuten in Deutschland dauert in der Regel drei Jahre und führt zum staatlich anerkannten Berufsabschluss. Trotz hoher Verantwortung und intensiver praktischer Einsätze in Kliniken, Reha-Einrichtungen und Praxen erhalten die meisten Auszubildenden bis heute keine oder nur sehr selten eine angemessene Vergütung. Stattdessen müssen viele selbst finanzielle Beiträge leisten – in Form von Schulgeld, Materialkosten, Fahrtkosten oder Lebenshaltung. Dieses Modell wird seit Jahren als strukturelle Benachteiligung und teilweise als Ausbeutung kritisiert, weil junge Menschen über Jahre hinweg qualifizierte Arbeitsleistung erbringen, ohne angemessene Gegenleistung zu erhalten.
Rechtliche und strukturelle Grundlage der Ausbildung
Die Physiotherapie-Ausbildung ist bundesrechtlich als schulische Ausbildung im Gesundheitsfachberufegesetz (MPhG) geregelt. Sie umfasst etwa 2.900 Stunden theoretischen Unterricht und 1.600 Stunden praktische Ausbildung. Der theoretische Teil findet fast ausschließlich an Berufsfachschulen statt – staatlich, kommunal, kirchlich oder privat. Der praktische Teil erfolgt in externen Praktikumsstellen (Krankenhäuser, Reha-Zentren, ambulante Praxen), wo die Auszubildenden unter Anleitung Patienten behandeln und damit echte medizinische Leistungen erbringen.
Anders als bei dualen Ausbildungen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) besteht kein Ausbildungsvertrag mit einem Arbeitgeber, der eine Vergütungspflicht begründen würde. Die Praktika gelten rechtlich als Pflichtpraktika im Rahmen der Ausbildung und fallen daher nicht unter den Mindestlohn nach dem Mindestlohngesetz (§ 22 MiLoG). Die Praktikumsstellen sparen dadurch Personalkosten, weil sie ausgebildete Arbeitskraft kostenlos oder sehr günstig einsetzen können. Gleichzeitig tragen die Auszubildenden das volle finanzielle Risiko für Unterkunft, Fahrtkosten zu oft wechselnden Praktikumsorten und Lebenshaltung.
Warum die meisten Auszubildenden kein Gehalt erhalten
Der Hauptgrund liegt in der schulischen Natur der Ausbildung. Nur wenn die gesamte Ausbildung (Theorie und Praxis) in einer Einrichtung des öffentlichen Dienstes (z. B. Universitätskliniken) stattfindet, wird sie oft als vergütete Ausbildung nach TVöD/TVAöD organisiert. In diesen Fällen erhalten Auszubildende seit 2019/2020 ein monatliches Entgelt von etwa 1.200–1.500 Euro brutto (je nach Jahr und Tariferhöhung). Das betrifft jedoch nur einen kleinen Teil der Ausbildungsplätze – Schätzungen gehen von unter 20 % aus.
An den meisten Berufsfachschulen (insbesondere privaten und vielen kirchlichen) gibt es keinen Arbeitgeber, der eine Vergütung zahlen müsste. Stattdessen verlangen viele Schulen weiterhin ein monatliches Schulgeld. Obwohl seit etwa 2018/2019 in mehreren Bundesländern (z. B. Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen) das Schulgeld an öffentlichen und teilweise privaten Schulen abgeschafft oder stark reduziert wurde (oft auf 0–160 Euro monatlich), bleibt die Ausbildung für die Mehrheit unvergütet. Zusatzkosten für Bücher, Berufskleidung, Lernmaterialien und Pendeln zu Praktika summieren sich leicht auf mehrere hundert Euro monatlich.
Viele Auszubildende finanzieren sich daher über BAföG (wenn sie die Voraussetzungen erfüllen), elterliche Unterstützung, Nebenjobs, Kredite oder Erspartes. Besonders belastend ist die Situation für Menschen aus einkommensschwachen Familien oder Alleinerziehende, da die Ausbildung Vollzeit und oft mit unregelmäßigen Praktikumszeiten verbunden ist. Nebenjobs sind kaum machbar.
Kritikpunkte und Systemfehler
Die unbezahlte oder gering vergütete Ausbildung führt zu mehreren Problemen:
- Selektive Zugänglichkeit — Nur wer finanziell abgesichert ist, kann die Ausbildung antreten. Das widerspricht dem Grundsatz, dass Gesundheitsfachberufe für breite Bevölkerungsschichten offen sein sollten.
- Personalmangel verstärken — Der Mangel an qualifizierten Physiotherapeuten (lange Wartezeiten, weiße Flecken in der Versorgung) wird teilweise durch die unattraktive Ausbildungssituation verschärft. Viele potenzielle Interessierte wählen andere Berufe.
- Ausnutzung von Arbeitskraft — In Praktika behandeln Auszubildende oft eigenverantwortlich Patienten. Die Einrichtungen sparen Lohnkosten in erheblichem Umfang, ohne dass die Auszubildenden anteilig profitieren.
- Geschlechtsspezifische Benachteiligung — Der Beruf ist zu über 80 % weiblich besetzt. Frauen tragen statistisch öfter die finanzielle Hauptlast in der Ausbildungszeit, was die Einkommenslücke später verstärkt.
Berufsverbände wie der VDB-Physiotherapieverband und Physio Deutschland kritisieren seit Jahren dieses Modell. Sie fordern eine grundlegende Reform, faire Vergütung und eine stärkere Akademisierung, um den Beruf attraktiver zu machen.
Alternativen und realistische Auswege
Wer die finanzielle Belastung vermeiden möchte, hat folgende Optionen:
- Ausbildung an Universitätskliniken oder kommunalen Krankenhäusern
Hier wird meist nach TVAöD vergütet (ca. 1.200–1.500 € brutto/Monat je nach Jahr, plus Zulagen). Die Plätze sind jedoch stark nachgefragt und regional begrenzt. - Ausbildungsbegleitendes duales Studium (Bachelor of Science)
Modelle an Hochschulen wie UKE Hamburg, RWTH Aachen oder privaten Anbietern kombinieren die schulische Ausbildung mit einem Bachelor-Studium. In manchen Fällen zahlt der Praxispartner (Klinik/Praxis) ein Ausbildungsentgelt, übernimmt Studiengebühren oder gewährt Zulagen. Das duale Modell dauert oft 3,5–4 Jahre und führt zu zwei Abschlüssen (Staatsexamen + B.Sc.). Vergütung liegt häufig bei 1.000–1.400 €, je nach Kooperationspartner. - Vollständiges Bachelor-Studium Physiotherapie
An staatlichen Hochschulen fallen nur Semesterbeiträge (ca. 150–400 €/Semester) an. Private Hochschulen verlangen oft 400–800 € monatlich Studiengebühr. Vorteil: Akademischer Abschluss, bessere Karrierechancen (Forschung, Lehre, Führungspositionen). Nachteil: Oft keine oder geringe Vergütung während der Praxisphasen. - Fördermöglichkeiten nutzen
BAföG (Ausbildungsförderung), Bildungskredit, Stipendien von Verbänden oder Stiftungen, Wohngeld, Kindergeld (bis 25) und Unterhaltspflicht der Eltern können helfen. Manche Bundesländer bieten zusätzliche Zuschüsse für Gesundheitsfachberufe. - Quereinstieg oder verkürzte Ausbildung
Wer bereits einen anderen Gesundheitsberuf (z. B. Ergotherapie, Pflege) hat, kann verkürzte Modelle oder Nachqualifizierungen nutzen, die teilweise besser vergütet sind.
Langfristig bleibt die Forderung nach einer dualen oder vergüteten Ausbildung flächendeckend bestehen. Bis dahin ist die gezielte Bewerbung bei vergütenden Einrichtungen der effektivste Weg, finanzielle Belastungen zu minimieren.
Die Physiotherapie bleibt ein sinnstiftender und zukunftssicherer Beruf – doch die Ausbildungsbedingungen müssen dringend modernisiert werden, um den Nachwuchs nicht weiter abzuschrecken.
Verifizierte Quellen (Stand Februar 2026)
- https://www.ausbildung.de/berufe/physiotherapeut
- https://www.azubiyo.de/berufe/physiotherapeut/gehalt
- https://www.physiotherapie.net/
- https://de.indeed.com/karriere-guide/jobsuche/wie-viel-kostet-die-physiotherapie-ausbildung
- https://www.uke.de/karriere/ausbildung-und-studium/berufsbegleitende-und-duale-studiengaenge/physiotherapie-b-sc.html
- https://vdb-physio.de/news/schueler-in-ausbildung-zum-physiotherapeuten-an-kommunalen-krankenhaeusern-oder-unikliniken-erhalten-ab-dem-01-01-2019-eine-ausbildungsverguetung
- https://www.physio-deutschland.de/fachkreise/news-bundesweit/einzelansicht/artikel/erstmals-ausbildungsverguetung-fuer-physiotherapeuten-durchgesetzt.html
- https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/lange-wartezeiten-in-mv-physiotherapie-kein-wellnessangebot,physiotherapie-106.html
- https://www.azubi.de/duales-studium/duales-studium-physiotherapie/gehalt
- https://www.hs-fresenius.de/blog/wissen/physiotherapie-ausbildung-oder-studium
