Bei akutem Nahrungsmangel reprogrammiert der Körper das Immunsystem, um Infektionen effizient zu bekämpfen, ohne die letzten Energiereserven zu verbrauchen. Dies zeigt eine neue Studie von Forschenden der Weill Cornell Medicine, die am 10. Februar 2026 in der Fachzeitschrift Immunity erschien.
Nahrungsknappheit und Infektionskrankheiten traten in der Menschheitsgeschichte häufig gemeinsam auf. Dennoch ist wenig darüber bekannt, wie Mangelernährung die Immunantwort beeinflusst. Die Ergebnisse sind besonders relevant für die etwa 47 Millionen Menschen in den USA, die täglich unter Lebensmittelunsicherheit leiden und dadurch ein erhöhtes Infektionsrisiko tragen.
Das Immunsystem benötigt bei einer Infektion bis zu 30 Prozent der gesamten Körperenergie. Die Forscher um Dr. Nicholas Collins (Assistant Professor für Immunologie am Jill Roberts Institute und Friedman Center for Nutrition) untersuchten Mäuse, die drei Wochen lang nur 50 Prozent der normalen Kalorienmenge erhielten und anschließend mit darmpathogenen Bakterien infiziert wurden.
Während normal ernährte Mäuse bei der Infektion einen metabolischen Kollaps erlitten (starker Abfall von Blutzucker und Körpergewicht), blieben die kalorienrestrizierten Tiere stabil und wehrten die Infektion genauso effektiv ab – allerdings mit minimalem Glukoseverbrauch.
Die Erklärung liegt in einer hormonellen Umsteuerung durch Glucocorticoide (Stresshormone wie Cortisol), die bei Nahrungsmangel stark ansteigen:
- Umschaltung der Immunzellen: Energieintensive naive und Effektor-T-Zellen werden in das Knochenmark zurückgezogen – eine Art „Schutzbunker“ für spätere Bedrohungslagen. Stattdessen werden kurzlebige Neutrophile massiv hochreguliert (bis auf das Doppelte der Normalmenge). Diese Zellen, die als erste Verteidigungslinie wirken, zeigen eine gesteigerte Pathogen-abtötende Kapazität und verbrauchen deutlich weniger Glukose.
- Erhalt von Gedächtniszellen: Während T-Zellen vorübergehend heruntergefahren werden, bleiben Gedächtnis-T-Zellen erhalten, um bei wiederholten Infektionen rasch reagieren zu können.
- Metabolische Anpassung: Die Neutrophile arbeiten im Energiesparmodus; der Blutzuckerspiegel bleibt stabil, was Mangelernährung und metabolischen Kollaps verhindert.
„Glucocorticoide dirigieren das Immunsystem wie ein Dirigent: Sie reduzieren die energiehungrigsten Zellen und priorisieren diejenigen, die sofortigen Schutz bieten und langfristige Immunität sichern“, erklärt Collins. „Das ist ein evolutionär konservierter Mechanismus, der Infektionsabwehr auch unter extremen Bedingungen ermöglicht.“
Die Studie zeigt zudem, dass dieser Schutzmechanismus bei zu schwerer oder zu langer Unterernährung zusammenbricht – ein Punkt, den die Forscher nun genauer untersuchen wollen. Die Erkenntnisse könnten helfen, Infektionskrankheiten und infektionsbedingte Mangelernährung in vulnerablen Bevölkerungsgruppen besser zu verhindern oder zu behandeln.
Die Arbeit entstand unter Beteiligung von Luisa Menezes-Silva (Universität São Paulo), Dr. Mingeum Jeong und Dr. Seong-Ji Han (beide Collins-Labor).
