Weltweit leben mehr als 230 Millionen Mädchen und Frauen mit den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung (FGM). Das sind rund 30 Millionen mehr als noch vor acht Jahren. Die Zahl der dokumentierten Länder, in denen die Praxis vorkommt, liegt inzwischen bei mindestens 94 – deutlich mehr als früher angenommen. Nur in 58 Staaten gibt es explizite gesetzliche Verbote. Das geht aus aktuellen Analysen und Berichten von Organisationen wie UNICEF, WHO und End FGM European Network hervor.
Besorgniserregend ist der Trend zur Medikalisierung: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird jede vierte Verstümmelung inzwischen von medizinischem Fachpersonal durchgeführt. Angela Bähr, Vorständin Programme der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), warnt anlässlich des Internationalen Tags gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar: Diese Entwicklung drohe, die schwere Menschenrechtsverletzung gesellschaftlich zu normalisieren und akzeptabler erscheinen zu lassen. Selbst vermeintlich hygienische Eingriffe durch Ärzte oder Pflegekräfte machten die Praxis nicht sicherer – einige Studien deuteten sogar auf höhere Risiken durch tiefere Schnitte hin.
Die Verstümmelung erfolgt meist an Mädchen vor der Pubertät und umfasst die teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris und/oder Schamlippen bis hin zum Vernähen der Vaginalöffnung – alles ohne medizinischen Grund. Die Folgen sind oft lebenslang und schwerwiegend: Probleme beim Wasserlassen und bei der Menstruation, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, erhöhtes Komplikationsrisiko bei Geburten, gesteigerte Neugeborenensterblichkeit sowie psychische Traumata. Viele Betroffene überleben den Eingriff nicht.
In Europa leben schätzungsweise 600.000 Mädchen und Frauen mit den Folgen der Praxis. Bähr betont, dass Verbote allein nicht ausreichen: Es brauche umfassende Aufklärung in Schulen, Gemeinschaften und Familien – einschließlich Jungen und Eltern. Entgegen mancher Annahmen sei FGM kein religiöser, sondern ein tief verwurzelter kultureller Brauch, der bis in die Antike zurückreiche.
Die Vereinten Nationen haben sich in ihren Nachhaltigkeitszielen vorgenommen, die Praxis bis 2030 zu beenden. Davon sei die Welt jedoch weit entfernt. Aktuell sind jährlich etwa 4,4 bis 4,5 Millionen Mädchen bedroht – das entspricht mehr als 12.000 Fällen pro Tag. Ohne verstärkte Anstrengungen könnte die Zahl bis 2030 weiter steigen. Präventionsprogramme seien chronisch unterfinanziert. Bähr appelliert besonders an Länder wie Deutschland, nach dem Rückzug der USA aus relevanten UN-Institutionen mehr Verantwortung zu übernehmen und nachhaltig in den Kampf gegen diese Verletzung der Rechte von Mädchen und Frauen zu investieren.
