US-Präsident Donald Trump hat in den ersten Monaten seiner zweiten Amtszeit Kanada zu einem zentralen Ziel seiner außenpolitischen Agenda gemacht. Mit einer aggressiven Mischung aus hohen Zöllen, provokativer Rhetorik und historischen Anspielungen auf territoriale Expansion signalisiert er Ambitionen, die von engerer wirtschaftlicher Integration bis hin zu offenen Andeutungen einer Annexion reichen. Experten warnen vor einer gefährlichen Eskalation zwischen den beiden eng verflochtenen Nachbarländern, während Kanada bereits aktiv nach neuen Partnern sucht, um den wachsenden Druck aus Washington auszugleichen.
Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 hat Trump die Gangart gegenüber Kanada deutlich verschärft. Innerhalb weniger Wochen verhängte er empfindliche Zölle auf kanadische Schlüsselbranchen: Stahl, Weichholz, Aluminium und Milchprodukte. Immer wieder taucht in seinen Reden und Pressekonferenzen der inzwischen berüchtigte Satz auf: „Kanada ist im Grunde der 51. Bundesstaat.“ Was zunächst wie eine provokante Pointe klang, wird von vielen Beobachtern inzwischen als ernst gemeinter Teil einer größeren Strategie interpretiert.
Trump bedient sich dabei einer Rhetorik, die an frühere Expansionsideen erinnert – vom Kauf Grönlands bis zur Wiederbelebung des Gedankens eines „amerikanischen Manifest Destiny“. In Kanada hat diese Sprache einen regelrechten Patriotismus-Schub ausgelöst. Der Tourismus in die USA ist massiv eingebrochen, kanadische Fluggesellschaften haben Zehntausende von Sitzplätzen auf US-Strecken gestrichen, und in den sozialen Medien kursieren Aufrufe, „den Nachbarn im Süden“ endlich ernst zu nehmen.

Hintergrund der aktuellen Spannungen ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch. Viele Kommentatoren sehen in Trumps Haltung den Versuch, den historisch gewachsenen britischen Einfluss auf Kanada – und damit indirekt auf Nordamerika – zurückzudrängen. Die Überprüfung und mögliche Neuverhandlung des USMCA-Handelsabkommens, das 2026 ohnehin ansteht, wird als entscheidender Hebel betrachtet. Sollte Trump hier massive Zugeständnisse erzwingen wollen, droht Kanada ein wirtschaftlicher Schock, der die ohnehin fragile Lage noch verschärfen könnte.
Kanadas Reaktion zeigt sich vielschichtig und entschlossen. Unter Premierminister Mark Carney hat Ottawa begonnen, seine Außenpolitik deutlich zu diversifizieren. Hochrangige Besuche in Peking, Brüssel und Neu-Delhi signalisieren: Kanada will nicht länger allein auf die USA als wichtigsten Partner setzen. Besonders der kürzlich erfolgte Staatsbesuch in China wurde als demonstrative Abkehr von Washington gewertet – ein Empfang mit höchstem Protokoll in Peking stand im krassen Gegensatz zu den frostigen Treffen im Weißen Haus.
Innerhalb Kanadas hat sich die Stimmung ebenfalls verändert. Viele Bürger sehen sich plötzlich mit der realen Möglichkeit konfrontiert, dass der mächtige Nachbar im Süden mehr als nur rhetorische Spielchen treibt. In den vergangenen Monaten meldeten sich deutlich mehr Kanadier zu Schießkursen und Selbstverteidigungstrainings an – ein Phänomen, das es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat.
Experten schätzen die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Konfrontation weiterhin als extrem gering ein. Dennoch warnen sie: Der wirtschaftliche und psychologische Druck schafft bereits eine gefährlichere Ausgangslage. Sollte Trump die Zölle weiter erhöhen oder das USMCA-Abkommen einseitig aufkündigen, könnte Kanada gezwungen sein, noch tiefgreifendere Partnerschaften mit China, der EU oder Indien einzugehen – mit allen geopolitischen Folgen.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob Trumps Kanada-Politik bloße Machtdemonstration bleibt oder ob sie tatsächlich in eine neue Phase nordamerikanischer Beziehungen mündet. Für viele Kanadier steht inzwischen fest: Der „große Bruder“ im Süden verhält sich nicht mehr wie ein Bruder – und das Land muss sich entsprechend neu aufstellen.

