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Norwegisches Projekt will Lärmbelastung für Frühgeborene in Inkubatoren reduzieren

Frühgeborene sind besonders empfindlich gegenüber starken Sinnesreizen und hohen Geräuschpegeln in Inkubatoren. Ein neues interdisziplinäres Projekt in Norwegen untersucht nun, wie das Gehör und die Gehirnentwicklung dieser vulnerablen Kinder besser geschützt werden können. Beteiligt sind die Norwegische Frühgeborenenvereinigung, das Forschungsinstitut SINTEF sowie die Universitätskliniken Rikshospitalet und St. Olavs Hospital. Gefördert wird das Vorhaben von der DAM-Stiftung.

Frühgeborene – Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden – verbringen oft Wochen oder Monate auf der Neugeborenen-Intensivstation. Lebensrettende Technologien wie Beatmungsgeräte erzeugen dabei kontinuierlich Lärm, der die empfohlenen Grenzwerte deutlich überschreitet. Besonders nicht-invasive Atemunterstützung, die bei Babys vor der 34. Woche häufig eingesetzt wird, stellt eine der lautesten Quellen dar.

„Der Schallpegel im Inkubator kann langfristig zu Hörverlust und Störungen der Gehirnentwicklung führen“, erklärt Simone Conta, leitende Beraterin bei SINTEF. „Unbehandelter Hörverlust beeinträchtigt wiederum die Sprach-, kognitive und soziale Entwicklung – mit erheblichen Auswirkungen auf die Lebensqualität.“ Viele Eltern berichten von der surrealen Erfahrung, ihr Kind im Arm zu halten, während das Summen und Piepen der Geräte ihre Stimme übertönt.

Das Projekt verfolgt drei zentrale Ziele:

  1. Dokumentation der aktuellen Situation: Kartierung der eingesetzten Beatmungsgeräte und Messung ihrer Schalleigenschaften in realen Klinikbedingungen.
  2. Entwicklung von Lösungen: Erstellung eines Demonstrationsmodells in enger Zusammenarbeit mit Herstellern, um Geräte leiser zu machen – etwa durch optimierte Einstellungen, Materialien oder Abläufe.
  3. Wissenstransfer: Schulung von medizinischem Personal, Herstellern und Entscheidungsträgern, um Lärmreduzierung in der Praxis zu verankern.

Der Fokus liegt auf nicht-invasiver Atemunterstützung, die oft über Wochen kontinuierlich läuft und damit die größte Lärmbelastung darstellt. Kleine Anpassungen – von Geräteeinstellungen über Pflegeroutinen bis hin zu baulichen Maßnahmen – könnten bereits spürbare Verbesserungen bringen.

„Wir wissen, dass Neugeborenen-Intensivstationen laut sind. Jede Lärmreduzierung hilft diesen Kindern enorm“, betont Hege A. Nordhus, Geschäftsführerin der Norwegischen Frühgeborenenvereinigung (Prematurforeningen). „Unser Ziel ist, dass die Projekterkenntnisse direkt in bessere Versorgung münden.“

Das Besondere am Ansatz: Er ist nicht rein akademisch, sondern praxisnah. Durch den direkten Dialog mit Herstellern und Kliniken sollen Verbesserungen schnell umgesetzt werden. „Es geht um unmittelbare Wirkung für Patienten und Familien“, unterstreicht Conta.

Internationale Studien bestätigen die Dringlichkeit: Hohe Schallpegel in Inkubatoren korrelieren mit verzögerter Gehirnentwicklung, Schlafstörungen und erhöhtem Stress bei Frühgeborenen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal 45 Dezibel – Werte, die in vielen Intensivstationen regelmäßig überschritten werden.

Das norwegische Projekt könnte Vorbildcharakter haben. Ähnliche Initiativen gibt es in den USA und Australien, doch der hier gewählte interdisziplinäre Ansatz mit starker Einbindung von Elternverbänden ist einzigartig. Die Ergebnisse sollen nicht nur national, sondern international geteilt werden.

In einer Zeit, in der neonatologische Medizin immer mehr Frühgeborene rettet, rückt die Qualität des Überlebens in den Fokus. Dieses Projekt zeigt: Lebensrettende Technologie muss nicht zwangsläufig mit hohen „Nebenkosten“ für die kleinsten Patienten einhergehen. Mit gezielter Forschung und Kooperation lässt sich eine schonendere Umgebung schaffen – für ein besseres Start ins Leben.

Quelle: Kathrine Nitter. „Frühgeborene reagieren besonders empfindlich auf starke Sinnesreize und den hohen Geräuschpegel im Inkubator“. Norwegian SciTech News, 11. Dezember 2025. https://norwegianscitechnews.com/2025/12/children-in-incubators-are-particularly-vulnerable-to-hearing-loss/