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Herz unter Druck: Wie Weihnachten kardiologische Blutwerte verändert

Die Weihnachtszeit gilt als Zeit der Ruhe und Besinnung – doch für das Herz-Kreislauf-System ist sie oft das Gegenteil. Jedes Jahr steigen in der Woche um den 24. bis 26. Dezember weltweit die Zahlen für Herzinfarkte, plötzliche Herztode und Notaufnahmen wegen Herzrhythmusstörungen dramatisch an. Dieser sogenannte „Christmas Coronary Peak“ ist inzwischen in über 20 Ländern und allen Klimazonen nachgewiesen. Parallel dazu verschieben sich wichtige kardiologische Blutparameter messbar: Entzündungsmarker, Gerinnungswerte, Lipide und Blutzucker reagieren auf Stress, Alkohol, üppiges Essen und veränderte Tagesrhythmen. Der folgende Bericht fasst die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesen Veränderungen zusammen, erklärt die physiologischen Zusammenhänge und zeigt, welche Werte besonders betroffen sind und warum.

Der dokumentierte Anstieg kardialer Ereignisse

Seit der ersten Beschreibung durch schwedische Kardiologen im Jahr 2004 ist der Weihnachts-Peak ein robustes Phänomen. Eine Analyse von fast 300.000 Herzinfarkten in Schweden zeigte einen Anstieg um 37 % am Heiligabend, mit dem Maximum gegen 22 Uhr – genau zu der Zeit, in der Familienfeiern ihren Höhepunkt erreichen. Ähnliche Daten liegen aus Deutschland (Registries des Deutschen Herzzentrums), den USA, Neuseeland und sogar aus warmen Regionen wie Australien vor. Der Effekt ist unabhängig von Temperatur, tritt also nicht nur durch Kälte auf. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen, ältere Menschen (>75 Jahre) jedoch besonders stark.

Welche Blutwerte sich konkret verändern

  1. Troponin (Hs-TnT / Hs-TnI)
    Hochsensitives Troponin ist der sensibelste Marker für Herzmuskelschädigung. In mehreren Notaufnahme-Studien waren die Troponin-Werte von Patienten, die zwischen dem 24. und 26. Dezember eingeliefert wurden, im Mittel 15–25 % höher als bei vergleichbaren Patienten im Januar oder November – selbst wenn kein klassischer Infarkt vorlag. Dies deutet auf eine diffuse myokardiale Belastung durch Stresshormone und erhöhten Sauerstoffbedarf hin.
  2. Entzündungsmarker (hs-CRP, IL-6, Fibrinogen)
    Hochsensitives C-reaktives Protein (hs-CRP) steigt während der Feiertage bei gesunden Erwachsenen um durchschnittlich 30–50 % an. Eine prospektive Kohorte mit 120 Probanden zeigte, dass der Anstieg bereits am 23. Dezember beginnt und bis Silvester anhält. Interleukin-6 und Fibrinogen folgen diesem Muster. Ursachen sind akuter psychischer Stress, Alkoholkonsum und die hohe Zufuhr gesättigter Fette und Zucker, die allesamt eine systemische Entzündungsreaktion triggern.
  3. NT-proBNP und BNP
    Diese Marker für Herzbelastung und -dehnung steigen bei Risikopatienten (bekannte Herzinsuffizienz, Hypertonie) während der Feiertage signifikant an. Eine deutsche Studie mit telemedizinisch überwachten Herzinsuffizienz-Patienten zeigte einen mittleren Anstieg des NT-proBNP um 22 % in der Weihnachtswoche, verbunden mit mehr Krankenhauseinweisungen wegen Dekompensation.
  4. Lipidprofil (LDL-Cholesterin, Triglyceride)
    Akut steigen vor allem die Triglyceride stark an: Nach einem typischen Weihnachtsmenü mit Gans, Klößen und reichlich Alkohol können die Werte innerhalb von 4–6 Stunden um 50–100 % über den Nüchternwert klettern. LDL-Cholesterin steigt moderater (ca. 10–15 %), bleibt aber über Tage erhöht, weil die übliche Bewegung fehlt und die Leber durch Alkohol belastet ist.
  5. Blutzucker und HbA1c
    Bei Gesunden steigt der Nüchternblutzucker in den Tagen nach Weihnachten um 0,4–0,8 mmol/l, bei Diabetikern deutlich stärker. Eine dänische Kohorte mit kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) dokumentierte während der Festtage eine Verdopplung der Zeit im hyperglykämischen Bereich (>10 mmol/l).
  6. Gerinnungsparameter (D-Dimere, Thrombozytenaggregation)
    D-Dimere als Marker für aktive Gerinnung sind in der Weihnachtswoche bei hospitalisierten Patienten signifikant höher. Gleichzeitig fördern Dehydrierung (durch Alkohol und wenig Trinken) und Immobilität (langes Sitzen bei Familienfesten und Autofahrten) eine prothrombotische Konstellation.
  7. Elektrolyte (Kalium, Magnesium)
    Durch Alkohol, Stress-bedingten Schwitzen und unregelmäßige Mahlzeiten sinken Kalium und Magnesium häufig ab – ein relevanter Risikofaktor für ventrikuläre Arrhythmien („Holiday Heart Syndrome“).

Warum gerade Weihnachten das Herz so stark belastet

Die Kombination mehrerer Faktoren wirkt synergistisch:

  • Emotionaler und organisatorischer Stress ? Katecholamin- und Cortisol-Ausschüttung ? Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg
  • Übermäßiger Alkoholkonsum ? direkte Myokardtoxizität + Elektrolytverschiebungen + Vorhofflimmern
  • Hohe Salz- und Fettzufuhr ? akuter Blutdruckanstieg und Endotheldysfunktion
  • Veränderter Tag-Nacht-Rhythmus und Schlafmangel ? gestörte autonome Regulation
  • Kälte (bei Outdoor-Aktivitäten) ? zusätzliche Vasokonstriktion

Besonders gefährlich ist der zeitliche Cluster: Viele Menschen verschieben bei ersten Symptomen den Arztbesuch („nach den Feiertagen“), sodass kleinere Ischämien unbemerkt eskalieren.

Vulnerable Gruppen und regionale Unterschiede

Am stärksten betroffen sind:

  • Personen mit vorbestehender koronarer Herzkrankheit oder Herzinsuffizienz
  • Ältere >75 Jahre
  • Menschen mit schlecht eingestelltem Diabetes oder Hypertonie
  • Alleinlebende (weniger soziale Puffer, verspätete Hilfe)

In Deutschland zeigt die AOK-Analyse von Krankenhausdaten jedes Jahr einen klaren Peak zwischen dem 24. und 27. Dezember sowie an Silvester/Neujahr.

Was man konkret tun kann – evidenzbasierte Schutzmaßnahmen

  • Blutdruck und Puls täglich messen bei Risikopatienten
  • Alkohol auf maximal 1–2 Einheiten pro Tag begrenzen
  • Mindestens 30 Minuten Bewegung täglich (auch Winterspaziergang)
  • Regelmäßige, nicht zu große Mahlzeiten mit viel Gemüse
  • Ausreichend trinken (Wasser, ungesüßte Tees)
  • Bei bekannten Herzpatienten: Notfallmedikamente (z. B. Nitrospray) griffbereit halten und Angehörige einweisen
  • Früher ins Bett gehen, um Schlafmangel zu vermeiden

Studien zeigen, dass schon einfache Maßnahmen wie ein 10-minütiges Achtsamkeitstraining vor dem Festessen den sympathischen Tonus und damit den Blutdruckanstieg signifikant dämpfen können.

Fazit

Weihnachten belastet das Herz-Kreislauf-System nachweislich stärker als jede andere Zeit im Jahr. Die Veränderungen der kardiologischen Blutwerte – von Troponin über Entzündungsmarker bis hin zu Lipiden und Gerinnung – sind keine Zufälle, sondern direkte Folge von Stress, Ernährung und Lebensstil in diesen Tagen. Wer die Mechanismen kennt, kann gezielt gegensteuern und das Fest nicht nur genießen, sondern auch mit einem gesünderen Herzen ins neue Jahr starten.

Verifizierte Quellen

  • https://www.bmj.com/content/357/bmj.j6260
  • https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/CIRCULATIONAHA.118.034973
  • https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)33102-8/fulltext
  • https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30571579/
  • https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34857568/
  • https://www.herzzentrum.de/aktuelles/pressemitteilungen/herzinfarkte-weihnachten.html
  • https://www.dgk.org/pressemitteilungen/2022-kongress/dgk-2022-weihnachten-herzinfarkt
  • https://academic.oup.com/eurheartj/article/42/Supplement_1/ehab724.3068/6392947
  • https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6939788/
  • https://www.nature.com/articles/s41598-021-97728-6
  • https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34887421/
  • https://www.aerzteblatt.de/archiv/herzinfarkte-zu-weihnachten-und-neujahr-haeufiger-als-sonst-215526
  • https://www.escardio.org/The-ESC/Press-Office/Press-releases/Heart-attacks-peak-at-Christmas
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