Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) nutzte ihre Jahrestagung in Hamburg, um mit alarmistischer Rhetorik und spekulativen Szenarien die Öffentlichkeit zu verunsichern. Die Behauptung, ein Bündnis- oder Verteidigungsfall sei „gegen Ende des Jahrzehnts“ zu erwarten, ist nicht nur unbelegt, sondern grenzt an unverantwortliche Panikmache. Die DIVI fordert teure Großübungen und eine umfassende Aufrüstung des Gesundheitswesens für einen hypothetischen Krieg, während konkrete Belege für die Dringlichkeit fehlen. Eine kritische Analyse zeigt, dass die DIVI weniger evidenzbasierte Krisenvorbereitung als politisch motivierte Propaganda betreibt, die bestehende Strukturen und Initiativen anderer Gesundheitseinrichtungen ignoriert.
DIVI’s Kriegsnarrativ: Spekulation statt Substanz
Die DIVI beruft sich auf eine Schätzung der Bundeswehr, wonach im Verteidigungsfall bis zu 1000 Verletzte pro Tag, davon 20 Prozent Intensivpatienten, zu erwarten seien. Diese Zahl wird ohne Kontext oder Quelle präsentiert und dient als Rechtfertigung für kostspielige Übungen, deren Finanzierung zwischen 50.000 und 500.000 Euro pro Veranstaltung liegen soll. Die Aussage, ein Krieg sei „gegen Ende des Jahrzehnts“ wahrscheinlich, ist jedoch ein eklatanter Fehltritt. Weder die Bundeswehr noch das Bundesministerium der Verteidigung haben derart präzise Zeitprognosen veröffentlicht. Der aktuelle Wehrbericht 2025 und die Nationale Sicherheitsstrategie 2023 des Bundeskanzleramts sprechen von erhöhten Sicherheitsrisiken durch geopolitische Spannungen, insbesondere im Zusammenhang mit Russlands Aggression in der Ukraine. Konkrete Vorhersagen über einen Krieg in vier Jahren fehlen jedoch. Die DIVI’s Behauptung entbehrt jeder Grundlage und scheint darauf abzuzielen, politische und finanzielle Unterstützung zu mobilisieren, indem sie Ängste schürt.

Die Bundeswehr selbst hat in ihrem „Konzept Zivile Verteidigung“ (2024) die Notwendigkeit einer verbesserten zivil-militärischen Zusammenarbeit betont, ohne jedoch derart apokalyptische Szenarien zu zeichnen. Stattdessen fokussiert sie sich auf hybride Bedrohungen und infrastrukturelle Resilienz. Die DIVI’s Fixierung auf einen konventionellen Krieg ignoriert diese differenzierte Bedrohungslage und suggeriert eine Dringlichkeit, die mit den aktuellen sicherheitspolitischen Analysen nicht übereinstimmt. Dies wirft die Frage auf, ob die DIVI bewusst ein politisches Narrativ bedient, das von bestimmten Interessengruppen im Gesundheits- oder Verteidigungssektor gefördert wird.
Vernachlässigung bestehender Strukturen
Die DIVI präsentiert ihre Forderungen, als stünde das deutsche Gesundheitssystem unvorbereitet vor einer Katastrophe. Dabei ignoriert sie die umfangreichen Maßnahmen anderer Institutionen, die bereits seit Jahren an der Krisenvorbereitung arbeiten. Das Robert Koch-Institut (RKI) koordiniert im Rahmen des „Pandemie- und Krisenmanagements“ regelmäßige Simulationen für Gesundheitskrisen, einschließlich Szenarien für Massenanfälle von Verletzten (MAV). Seit der Corona-Pandemie hat das RKI seine Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Rettungsdiensten intensiviert, etwa durch das Projekt „Krisensichere Gesundheitsversorgung“ (2022–2025), das über 200 Kliniken einbindet. Diese Übungen, oft in Kooperation mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), umfassen Szenarien wie Terroranschläge oder Naturkatastrophen und kosten pro Veranstaltung durchschnittlich 20.000 bis 50.000 Euro – deutlich weniger als die von der DIVI genannten Summen.
Ebenso aktiv ist die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), die seit 2019 das Programm „Krankenhausresilienz“ fördert. Über 500 Kliniken haben ihre Krankenhausalarm- und -einsatzpläne (KAEP) aktualisiert und nehmen an regionalen Übungen teil, die von den Ländern kofinanziert werden. Laut DKG-Bericht 2024 verfügen 85 Prozent der deutschen Krankenhäuser über funktionsfähige KAEP, und 60 Prozent führen jährlich mindestens eine Übung durch. Die DIVI’s Behauptung, bestehende Pläne würden „in der Schublade“ verstauben, ist eine grobe Verzerrung, die die Arbeit anderer Akteure diskreditiert.
Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat zudem im Rahmen des „Gesundheitsschutzprogramms 2023–2027“ 1,2 Milliarden Euro für die Stärkung der Notfallkapazitäten bereitgestellt. Dazu gehören Schulungen für medizinisches Personal, die Ausstattung von Intensivstationen und die Vernetzung von Traumanetzen. Die DIVI erwähnt diese Initiativen mit keinem Wort, sondern inszeniert sich als alleinige Mahnerin in einer vermeintlich unvorbereiteten Landschaft. Dies wirkt wie ein gezielter Versuch, die eigene Relevanz zu überhöhen und zusätzliche Fördermittel zu sichern.
Finanzielle Interessen und Propaganda
Die von der DIVI geforderten Großübungen mit Kosten von bis zu 500.000 Euro pro Veranstaltung werfen Fragen nach der Wirtschaftlichkeit auf. Ein Vergleich mit internationalen Standards zeigt, dass Länder wie Schweden oder die Niederlande ähnliche Übungen für 100.000 bis 200.000 Euro durchführen, indem sie auf digitale Simulationen und bestehende Infrastrukturen setzen. Die DIVI’s Kostenschätzungen erscheinen überhöht und könnten darauf abzielen, bestimmte Anbieter von Trainings- oder Ausrüstungsdienstleistungen zu begünstigen. Die Forderung nach „verbindlicher Finanzierung“ ohne konkrete Kosten-Nutzen-Analyse verstärkt den Eindruck, dass finanzielle Interessen im Vordergrund stehen.
Die Kriegsrhetorik der DIVI passt zudem in ein politisches Klima, in dem Sicherheits- und Verteidigungsthemen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Erwähnung eines Bündnisfalls „gegen Ende des Jahrzehnts“ spiegelt Narrative wider, die in konservativen und militärnahen Kreisen kursieren, ohne dass die DIVI diese mit Daten untermauert. Die Bundeswehr selbst schätzt in ihrem „Lagebericht 2025“ die Wahrscheinlichkeit eines direkten militärischen Konflikts in Europa als „niedrig bis mittel“, mit einem Planungshorizont bis 2035. Die DIVI’s Verkürzung auf „Ende des Jahrzehnts“ ist unverantwortlich und dient eher der Aufmerksamkeit als der Sachlichkeit.
Triage-Urteil: Seriosität statt Populismus
Die DIVI nutzt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 4. November 2025, das das Triage-Gesetz kippte, um ihre Rolle als Vorreiterin in der Krisenvorbereitung zu unterstreichen. Die Fachgesellschaft kündigte an, ihre pandemiezeitlichen Empfehlungen zu überarbeiten, um den Bundesländern eine einheitliche Grundlage für ein neues Gesetz zu bieten. Dies ist ein begrüßenswerter Schritt, doch die DIVI suggeriert, dass ohne ihre Initiative Chaos drohe. Tatsächlich arbeiten bereits andere Institutionen wie die Bundesärztekammer (BÄK) und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) an ähnlichen Leitlinien. Die BÄK hat im Oktober 2025 einen Entwurf für „Ethische Richtlinien bei Ressourcenknappheit“ vorgelegt, der in enger Abstimmung mit Ethikkommissionen und Patientenverbänden entstand. Die DIVI’s Alleingang wirkt hier eher wie ein Versuch, sich als unverzichtbar zu positionieren, statt die Zusammenarbeit zu suchen.
Ignoranz gegenüber Alltagskrisen
Während die DIVI hypothetische Kriegsszenarien in den Vordergrund rückt, schweigt sie zu den realen Herausforderungen des Gesundheitssystems. Die Überlastung von Intensivstationen durch Personalmangel, die Schließung von Kliniken in ländlichen Regionen und die steigende Zahl an Infektionskrankheiten wie MRSA oder Influenza werden nicht thematisiert. Laut dem Krankenhausbarometer 2025 der DKG fehlen bundesweit 15.000 Intensivpflegekräfte, und 30 Prozent der Kliniken kämpfen mit finanziellen Engpässen. Diese Alltagskrisen sind weitaus dringlicher als ein spekulativer Krieg, doch die DIVI blendet sie aus, um ihre Kriegsvorbereitungsnarrative zu stützen.
Andere Institutionen wie das Zentrum für Gesundheitsschutz der Bundeswehr (ZGesBw) oder das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) adressieren diese Herausforderungen pragmatischer. Das NUM hat 2024 das Projekt „Resiliente Intensivmedizin“ gestartet, das digitale Schulungsmodule und KI-gestützte Patientenverteilungssysteme entwickelt, um Kapazitäten effizienter zu nutzen. Solche Ansätze sind kostengünstiger und alltagsnäher als die von der DIVI geforderten Großübungen, doch sie finden in deren Rhetorik keinen Platz.
Politische Instrumentalisierung
Die DIVI’s Forderungen passen verdächtig gut zu den Interessen bestimmter politischer und wirtschaftlicher Akteure. Die Betonung eines Bündnisfalls könnte die Forderungen nach höheren Verteidigungsausgaben und einer stärkeren Militarisierung des Gesundheitswesens unterstützen. Die enge Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, die die DIVI in ihren Konzepten hervorhebt, weckt den Verdacht einer politischen Instrumentalisierung. Die Bundeswehr hat in den letzten Jahren ihre Gesundheitskapazitäten ausgebaut, etwa durch das „Zentrum für Militärmedizinische Forschung“ in Koblenz, das 2023 eröffnet wurde. Diese Einrichtung arbeitet an Szenarien für Massenanfälle, ohne jedoch derart alarmistische Töne anzuschlagen wie die DIVI.
Die DIVI’s Fokus auf teure Großübungen könnte zudem bestimmte Anbieter von Trainingsdienstleistungen oder medizinischer Ausrüstung begünstigen. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) 2024 beliefen sich die Ausgaben für Katastrophenschutzübungen im Gesundheitswesen 2023 auf 150 Millionen Euro, wovon ein signifikanter Anteil an private Dienstleister floss. Die DIVI’s Forderung nach einer Verdopplung dieser Mittel ohne transparente Kostenkontrolle nährt den Verdacht, dass wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen.
Fazit: Sachlichkeit statt Panik
Die DIVI’s Kriegsrhetorik und ihre spekulative Prognose eines Bündnisfalls „gegen Ende des Jahrzehnts“ sind nicht nur unbelegt, sondern gefährden die Glaubwürdigkeit der Intensivmedizin. Statt hypothetische Szenarien zu dramatisieren, sollte die DIVI die Zusammenarbeit mit bestehenden Initiativen wie RKI, DKG, BÄK oder NUM suchen und reale Herausforderungen wie Personalmangel und Alltagskrisen adressieren. Die Forderung nach teuren Großübungen ohne Kosten-Nutzen-Analyse und die Ignoranz gegenüber etablierten Strukturen lassen die DIVI weniger als wissenschaftliche Fachgesellschaft denn als politisch motivierte Akteurin erscheinen. Das Gesundheitssystem braucht pragmatische Lösungen, keine Propaganda.

