Die Sicherheitsfirma hensec aus Karlsruhe warnt Unternehmen mit Werksgeländen vor der wachsenden Gefahr von Spionagedrohnen und empfiehlt Investitionen in Detektionssysteme. Angesichts steigender Drohnensichtungen in Deutschland – das Bundeskriminalamt (BKA) zählte bis Mitte Oktober 2025 bereits 850 verdächtige Überflüge – klingt die Mahnung plausibel. Doch eine kritische Prüfung der Argumente von hensec wirft Fragen auf: Ist die Bedrohung so akut, wie dargestellt, oder dient die Pressemitteilung primär dem Marketing von Drohnenabwehr-Technologien? Und warum bleibt der Fokus auf alarmierenden Zahlen, ohne die tatsächlichen Risiken für die Industrie differenziert zu beleuchten?
Die Pressemitteilung von hensec, veröffentlicht am 3. Dezember 2025, reagiert auf die jüngste Welle von Drohnensichtungen, die Flughäfen lahmlegen und Sicherheitsbehörden beschäftigen. Die Firma berichtet von einer „noch nie dagewesenen“ Nachfrage nach ihren Systemen und plädiert für eine ganzheitliche Abwehrstrategie. Drohnen, so hensec, haben sich von Nischenprodukten zu strategischen Bedrohungen entwickelt: Bis 2030 könnten 7 Millionen zivile Drohnen in Europa fliegen, der Markt wächst auf 55 Milliarden US-Dollar. Einsatzfelder reichen von Inspektionen bis zu Sabotage, wie in Nahost oder der Ukraine beobachtet. Besonders betroffen seien Werksgelände, wo Drohnen Produktionsprozesse ausspähen, Netzwerke hacken oder Schwarmtaktiken einsetzen könnten.
Diese Einschätzung stützt sich auf reale Entwicklungen. Das BKA meldet tatsächlich einen Anstieg: Von 120 Sichtungen 2018 auf über 900 im Jahr 2024, davon 320 als Spionageverdächtig. Im ersten Quartal 2025 waren es bereits 270 Vorfälle mit 536 Überflügen, darunter 24 Ermittlungen wegen Spionage. Aktuelle Fälle wie Sichtungen über dem BASF-Werk in Ludwigshafen, der Ramstein Air Base oder Thyssenkrupp in Schleswig-Holstein untermauern die Warnung. Hensec differenziert zudem Drohnenarten – Multirotoren für Präzision, Starrflügler für Reichweite, VTOL-Hybride für Flexibilität – und betont Techniken wie Geräuscharmut oder KI-gestützte Vermeidung von Störsignalen.
Kritisch betrachtet wirkt die Darstellung jedoch alarmistisch und selektiv. Hensec zitiert Schätzungen der EASA und Markets and Markets, ohne Quellenangaben oder Kontext – sind diese Prognosen unabhängig, oder dienen sie der Markthype? Die genannten 850 Sichtungen klingen dramatisch, doch das BKA betont, dass die Mehrheit harmlos ist: Viele stammen von Hobbydrohnen oder Fehlinterpretationen (z. B. Vögel oder Flugzeuge). Nur ein Bruchteil – etwa 10-15 Prozent – gilt als spionageverdächtig, oft ohne konkrete Beweise. In Schleswig-Holstein 2025 wurden Drohnen über dem Universitätsklinikum Kiel und dem Nord-Ostsee-Kanal gesichtet, doch Ermittlungen ergaben keine Spionageabsicht; es handelte sich um illegale Testflüge. Ähnlich bei BASF: Die Sichtungen 2024 führten zu einer Sonderkommission, doch keine Verhaftungen oder Beweise für Industriespionage.
Die Betonung auf „Schwarmflügen“ und „Mutterdrohnen“ in Schleswig-Holstein klingt technisch fortschrittlich, doch Experten wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sehen hier eher Medienhype als systematische Bedrohung. Viele „Schwärme“ sind isolierte Vorfälle mit kommerziellen Drohnen, die durch Apps gesteuert werden – leicht abzufangen. Hensec erwähnt Hacking-Fälle wie die „Wi-Fi Pineapple“-Attacke 2019 in den USA, doch solche Vorfälle sind rar und erfordern Nähe zum Ziel. In Deutschland gab es 2025 keine dokumentierten Hacking-Übergriffe via Drohne auf Industrieanlagen.
Ein zentraler Kritikpunkt: Die Pressemitteilung ignoriert rechtliche und ethische Hürden. Drohnenabwehr ist in Deutschland streng reguliert – Jamming-Geräte oder Abschüsse sind nur für Behörden erlaubt, Privatfirmen dürfen nur detektieren. Hensec rät zu „Abwehrmaßnahmen“, ohne zu spezifizieren, was das im Zivilen Bereich bedeutet. Datenschutz wird oberflächlich behandelt: Sensoren wie Kameras oder Mikrofone könnten Mitarbeiter oder Anwohner überwachen, was gegen DSGVO verstößt. Die Firma betont „Made in Germany“ für Souveränität, doch ihre Partner wie Aaronia (RF-Sensoren) haben Kritik wegen ungenauer Detektion erhalten – Fehlalarme durch Vögel oder Wetterballons sind häufig, was zu Panik oder unnötigen Kosten führt.
Wirtschaftlich wirkt die Warnung wie ein Verkaufstrick. Hensec, spezialisiert auf 360-Grad-Sicherheit, profitiert von der Nachfrage nach KRITIS-Schutz (über 2.000 Anlagen, bald 30.000 durch NIS-2-Richtlinie). Die Empfehlung, „jedes Werksgelände“ auszurüsten, überspannt den Bogen: Kleine Firmen ohne sensible Daten brauchen keine Millionen-Investitionen in Radar und KI. Der Markt für Drohnenabwehr wächst, doch Studien (z. B. von Deloitte) warnen vor Überinvestitionen – 70 Prozent der Systeme werden unterausgelastet. Hensec erwähnt keine Kosten: Ein Basis-Setup kostet 50.000-200.000 Euro, plus Wartung – für viele Mittelständler unerschwinglich.
Zudem fehlt eine Balance: Legitime Drohneneinsätze (Inspektionen, Logistik) werden als Bedrohung stilisiert, obwohl sie die Industrie entlasten. Die EU plant 2026 strengere Regeln für Drohnen-IDs, was illegale Flüge erschweren könnte. Statt Panikmache bräuchte es mehr Aufklärung zu Risikoanalysen und Kooperationen mit Behörden.
Zusammenfassend: Drohnenrisiken sind real, doch hensecs Alarmismus dient eher dem Business als neutraler Beratung. Unternehmen sollten priorisieren: Zuerst Risiko bewerten, dann skalierbare Lösungen wählen – nicht blind investieren. Die Debatte braucht mehr Fakten, weniger Hype.
