Eine aktuelle Untersuchung der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation Truth Initiative zeigt, dass ein digitales Interventionsprogramm per SMS, das primär auf den Ausstieg aus dem Nikotin-Vaping abzielt, gleichzeitig den Cannabiskonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen spürbar senkt. Die Ergebnisse, die als Sekundäranalysen aus zwei großen randomisierten kontrollierten Studien hervorgehen, unterstreichen einen bisher wenig erforschten Übertragungseffekt: Maßnahmen gegen eine Substanz können positive Auswirkungen auf den Gebrauch weiterer Stoffe haben.
Das Programm, bekannt als EX Program und in Kooperation mit der Mayo Clinic entwickelt, richtet sich gezielt an junge Menschen, die mit Nikotinsucht kämpfen. Es umfasst personalisierte Ausstiegspläne, interaktive Nachrichten und rund um die Uhr zugängliche Online-Communities. Bislang hat es Millionen Nutzer bei der Nikotin-Entwöhnung unterstützt und gilt als evidenzbasiertes Tool, das in klinischen Tests seine Wirksamkeit bewiesen hat.
Die neuen Erkenntnisse füllen eine Lücke in der Forschung, da bislang kaum Studien den gleichzeitigen Ausstieg aus Nikotin- und Cannabis-Konsum untersucht haben und es keine etablierten Leitlinien für die Behandlung von Mehrfachkonsum bei Jugendlichen gibt. Teilnehmer, die das SMS-Programm nutzten, erreichten nach sieben Monaten signifikant häufiger eine doppelte Abstinenz von E-Zigaretten mit Nikotin und Cannabis im Vergleich zur Kontrollgruppe, obwohl Cannabis nicht explizit thematisiert wurde.
Bei Jugendlichen lag die Quote der doppelten Abstinenz in der Interventionsgruppe bei 38,5 Prozent, gegenüber 25,0 Prozent in der Kontrollgruppe – ein Vorteil von 13,5 Prozentpunkten. Unter jungen Erwachsenen betrug der Anteil 17,9 Prozent gegenüber 13,3 Prozent, was einem Plus von 4,6 Prozentpunkten entspricht. Altersbedingte Unterschiede zeigten sich deutlich: Jugendliche wiesen höhere Ausgangsraten beim Cannabiskonsum auf, reagierten jedoch stärker auf die Maßnahme und erzielten größere Reduktionen sowie höhere Abstinenzraten als junge Erwachsene.
Besorgniserregend hoch fielen die Basiswerte aus: 74,6 Prozent der Jugendlichen und 59,2 Prozent der jungen Erwachsenen gaben an, in den vergangenen 30 Tagen Cannabis konsumiert zu haben – Werte, die nationale Durchschnittswerte aus Bevölkerungsumfragen deutlich übersteigen. Solche Trends bergen Risiken für die Gehirnentwicklung, erhöhen das Depressionsrisiko und können bei vulnerablen Personen zu früherem Einsetzen und schwereren Verläufen psychotischer Erkrankungen führen. Der kombinierte Gebrauch von Nikotin und Cannabis verstärkt zudem die negativen Effekte beider Substanzen.
Mögliche Erklärungen für den Übertragungseffekt sehen die Forscher in der gemeinsamen Nutzung ähnlicher Verdampfergeräte, überlappenden Auslösern und Verhaltenskontexten sowie in der Übertragbarkeit allgemeiner Veränderungsstrategien auf verschiedene Substanzen. Die Studie basiert auf Daten aus zwei randomisierten Trials mit insgesamt über 4.000 Teilnehmern, die über Social-Media rekrutiert und per SMS betreut wurden. Finanziert wurde die Untersuchung primär durch Truth Initiative, ergänzt um Mittel der CVS Health Foundation.
Die Organisation betont die Notwendigkeit weiterer Forschung zu polysubstanziellem Konsum und plädiert für eine engmaschigere Überwachung jugendlicher Cannabistrends. Das EX Program ist kostenfrei verfügbar; Interessierte können per SMS an eine angegebene Nummer starten. Truth Initiative setzt sich als größte US-Non-Profit für öffentliche Gesundheit gegen Jugendsucht ein und betreibt neben dem Programm auch nationale Aufklärungskampagnen.
