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Kontaminierte Arktis:  Bioakkumulation von Bisphenolen bis hin zu Eisbären

Bisphenole (BPs) finden breite Anwendung in Kunststoffen, Epoxidharzen und Flammschutzmitteln, wobei Bisphenol A (BPA) am häufigsten vorkommt. Zunehmende Hinweise belegen einen Zusammenhang zwischen BPA-Exposition und Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf- und Entwicklungsstörungen, was die Industrie dazu veranlasst, es durch strukturell ähnliche Analoga wie Bisphenol S (BPS) und Bisphenol F (BPF) zu ersetzen. Die Toxizität und Persistenz dieser Ersatzstoffe in der Umwelt sind jedoch noch unzureichend erforscht, insbesondere in den fragilen Ökosystemen der Polarregionen. Obwohl der Ferntransport zahlreiche Schadstoffe in die Arktis gebracht hat, sind der Beitrag lokaler Verschmutzungsquellen und das Potenzial für eine trophische Biomagnifikation von BPs noch nicht eindeutig geklärt. Aufgrund dieser Unsicherheiten sind umfassende Untersuchungen zu Bisphenolquellen und deren Weitergabe in der Nahrungskette der Arktis dringend erforderlich.

Credits: Hans-Jürgen Mager / Unsplash

Forschende des Harbin Institute of Technology, der Norwegischen Universität für Lebenswissenschaften und ihrer internationalen Partner haben am 9. Oktober 2025 in der Fachzeitschrift „ Environmental Science and Ecotechnology“ eine Studie veröffentlicht (DOI: 10.1016/j.ese.2025.100627) . Diese liefert erstmals eindeutige Beweise dafür, dass Bisphenole (BPs) sich in arktischen marinen Nahrungsnetzen anreichern. Das Team analysierte 32 Bisphenol-Analoga in Sedimenten, Böden und Organismen, die in der Nähe von Longyearbyen auf Spitzbergen gesammelt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Schadstoffe nicht nur auf lokale menschliche Aktivitäten zurückzuführen sind, sondern sich auch von marinen Wirbellosen über Fische und Seevögel bis hin zu Eisbären anreichern. Die Studie untersuchte 134 Proben verschiedener trophischer Ebenen, von pelagischen Flohkrebsen und Ringelwürmern über Krebse und Fische bis hin zu Eismöwen und einem Eisbären. Die Forschenden wiesen 32 Bisphenol-Analoga nach und fanden eindeutige Hinweise auf Bioakkumulation und trophische Anreicherung. Die Bisphenol-Verbindung BPPH wies den höchsten trophischen Anreicherungsfaktor (TMF = 2,3) auf, während die Gesamtbisphenol-Konzentrationen in den Organen von Eisbären bis zu 1396 ng g?¹ Frischgewicht erreichten und damit die Werte in Arten mit niedrigerer trophischer Ebene deutlich überstiegen. Sedimentanalysen ergaben, dass BPA und BPF die am häufigsten vorkommenden Verbindungen waren, und Biota-Sediment-Akkumulationsfaktoren bestätigten einen effektiven Transfer aus den Sedimenten in benthische Organismen wie Groppen und Ringelwürmer. Die Forscher identifizierten zwei wichtige lokale Verschmutzungsquellen: ein Feuerwehrübungsgelände, das 2,4,6-Tribromphenol freisetzte, und Sickerwasser aus einer Deponie, das Bisphenol C (BPC) enthielt. Diese Ergebnisse zeigen, dass nicht nur der globale Transport, sondern auch lokale anthropogene Aktivitäten maßgeblich zur chemischen Belastung der Arktis beitragen. Die Ergebnisse liefern den ersten umfassenden Datensatz, der belegt, dass sich Bisphenole in arktischen Ökosystemen wie klassische persistente Schadstoffe verhalten.