Eine umfassende Studie der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) zeigt erhebliche globale Unterschiede in der Diagnose und Behandlung von Brust-, Gebärmutterhals- und Eierstockkrebs. Die Analyse, basierend auf Daten von über 275.000 Frauen in 39 Ländern zwischen 2015 und 2018, verdeutlicht, dass Frauen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) deutlich seltener frühzeitig diagnostiziert werden und weniger Zugang zu leitliniengerechter Behandlung haben als Frauen in wohlhabenden Ländern (HICs). Die Ergebnisse, veröffentlicht in „The Lancet“, unterstreichen die Dringlichkeit, Früherkennung und Behandlungsmöglichkeiten weltweit zu verbessern, um die Überlebenschancen von Frauen zu erhöhen.
Die Studie, Teil des VENUSCANCER-Projekts innerhalb des globalen CONCORD-Programms zur Überwachung von Krebsüberleben, liefert die erste umfassende Analyse von Diagnosestadium, Behandlungsmethoden und deren Übereinstimmung mit internationalen klinischen Leitlinien. In HICs wurden Brust- und Gebärmutterhalskrebs bei etwa 40 Prozent der Frauen im Frühstadium diagnostiziert, während dieser Anteil in LMICs bei unter 20 Prozent liegt, mit Ausnahmen wie Kuba (30 Prozent für Brustkrebs) und Russland (36 Prozent für Gebärmutterhalskrebs, 27 Prozent für Eierstockkrebs). Eierstockkrebs wird weltweit am seltensten früh erkannt, mit weniger als 20 Prozent der Fälle im Frühstadium, in LMICs sogar noch seltener.
Metastatische Brustkrebserkrankungen, bei denen sich der Krebs über den ursprünglichen Tumor hinaus ausgebreitet hat, machten in HICs weniger als 10 Prozent der Fälle aus, während sie in LMICs zwischen 2 und 44 Prozent betrugen. Fortgeschrittene Stadien von Gebärmutterhalskrebs waren in den meisten Ländern unter 15 Prozent, doch Eierstockkrebs bleibt eine Herausforderung: Aufgrund unspezifischer Symptome wie Bauchschmerzen oder Schwellungen wird er oft erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt, was die Prognose verschlechtert.
In Bezug auf die Behandlung zeigt die Studie, dass 78 Prozent der Frauen in HICs und 56 Prozent in LMICs chirurgische Eingriffe erhielten. Allerdings variiert die Übereinstimmung mit internationalen Leitlinien stark. In Europa wurde bei Brustkrebs im Frühstadium häufig brusterhaltende Chirurgie mit anschließender Strahlentherapie (67–78 Prozent) durchgeführt, während in Kanada (60 Prozent) und den USA (53 Prozent) dieser Anteil niedriger war. In LMICs unterzogen sich 30 bis 70 Prozent der Frauen mit Brustkrebs im Frühstadium einer Mastektomie, ebenso in HICs wie den USA, Kanada, Estland, den Niederlanden und Portugal. Für Gebärmutterhals- und Eierstockkrebs war die Behandlung in HICs häufiger leitliniengerecht als bei Brustkrebs, während nicht-chirurgische Optionen wie Chemotherapie oder Hormontherapie weltweit stärker den Standards entsprachen.
Die Studie hebt hervor, dass ältere Frauen, sowohl in HICs als auch in LMICs, seltener leitliniengerechte Behandlungen erhielten als jüngere. In LMICs warten Frauen zudem länger auf Operationen nach der Diagnose, was die Prognose verschlechtert. In vielen LMICs fehlen Strahlentherapieeinrichtungen und spezialisierte Chirurgen, was zu höheren Mastektomieraten führt. Sozioökonomische Faktoren, Bildung, Zugang zu Gesundheitsdiensten und kulturelle Präferenzen beeinflussen die Behandlungsentscheidungen. In Thailand etwa bevorzugen ältere Frauen oft Mastektomien in dem Glauben, dies erhöhe die Heilungschancen, während in den USA Versicherungsbedingungen die Verfügbarkeit von Strahlentherapie einschränken können.
Die Forscher betonen die Notwendigkeit, Früherkennungsprogramme global auszubauen, insbesondere in LMICs, wo die niedrigen Raten frühzeitiger Diagnosen die Überlebenschancen drastisch senken. Der Mangel an spezialisierten Einrichtungen und geschultem Personal in LMICs führt dazu, dass Frauen häufig invasivere Behandlungen wie Mastektomien oder Hysterektomien erhalten, anstatt brusterhaltender oder weniger einschneidender Optionen. In HICs sollten Versicherungssysteme den Zugang zu Strahlentherapie für einkommensschwache Frauen verbessern.
Die Ergebnisse unterstützen globale Initiativen wie die WHO Global Breast Cancer Initiative und die Cervical Cancer Elimination Initiative. Die Autoren fordern stabilere Finanzierung für populationsbasierte Krebsregister, die für die Überwachung von Diagnose- und Behandlungsstandards unerlässlich sind. Solche Register liefern entscheidende Daten, um die Wirksamkeit von Krebskontrollmaßnahmen zu bewerten und die Versorgung zu optimieren. Ein weiterer Appell richtet sich an die Anpassung internationaler Leitlinien an lokale Gegebenheiten, einschließlich sprachlicher Vereinfachung, um deren Umsetzung zu erleichtern.
Trotz der robusten Datenbasis weist die Studie Lücken auf, da einige Länder unvollständige Daten lieferten. Dennoch markiert sie einen Meilenstein in der globalen Krebsforschung, indem sie erstmals detaillierte Einblicke in Versorgungspfade bietet. Gefördert durch einen Consolidator Grant des European Research Council, liefert das VENUSCANCER-Projekt evidenzbasierte Grundlagen für politische Maßnahmen zur Verbesserung der Krebsversorgung weltweit.
Quellen: EurekAlert! Pressemitteilung vom 22.10.2025; The Lancet, DOI: 10.1016/S0140-6736(25)01383-2; LSHTM VENUSCANCER-Projekt; WHO Global Breast Cancer Initiative.
