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Neue Hoffnung für Schizophrenie-Betroffene durch Ketamin

Anlässlich des „World Mental Health Day“ am 10. Oktober 2025 präsentiert eine Forschungsgruppe der Medizinischen Universität Wien ein innovatives Pilotprojekt, das neue Wege in der Behandlung von Schizophrenie beschreitet. Der Fokus liegt auf den sogenannten Negativsymptomen der Erkrankung, wie Antriebslosigkeit, sozialem Rückzug und eingeschränkter Kommunikation, die für Betroffene oft schwerwiegender sind als die bekannten Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.

Schizophrenie betrifft etwa ein Prozent der Weltbevölkerung und führt nicht nur zu erheblichem Leidensdruck, sondern auch zu einer um 15 bis 20 Jahre verkürzten Lebenserwartung, höheren Suizidraten und einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Trotz Fortschritten in der Behandlung psychotischer Episoden bleiben viele Betroffene aufgrund von Stigmatisierung und mangelndem Zugang zu adäquater medizinischer Versorgung unterversorgt.

Das vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderte Projekt unter der Leitung von Matthäus Willeit, Psychiater an der Medizinischen Universität Wien, untersucht die Wirkung von Ketamin auf die Negativsymptome der Schizophrenie. Das Medikament, bekannt aus der Anästhesie und seit 2019 für die Behandlung schwerer Depressionen zugelassen, beeinflusst das Dopaminsystem im Gehirn. Erste Fallstudien deuten darauf hin, dass Ketamin die belastenden Begleiterscheinungen der Schizophrenie lindern könnte, indem es dopaminerge Signale verstärkt.

In der aktuellen Studie erhalten 20 Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie oder schizoaffektiven Störungen in zwei Phasen sowohl Ketamin als auch ein Placebo. Mittels Magnetresonanz-Untersuchungen, in Kooperation mit der Abteilung für Neuroradiologie, wird die Wirkung auf Gehirnstruktur und -funktion analysiert. Erste Ergebnisse werden in den kommenden Monaten erwartet. Frühere Bedenken, Ketamin könne Psychosen auslösen, konnten laut Willeit widerlegt werden.

Die Forschung knüpft an Erkenntnisse an, dass Negativsymptome durch eine Unterfunktion des Dopaminsystems entstehen, im Gegensatz zu den durch eine Überfunktion verursachten psychotischen Phasen. Ziel des Projekts ist es, die Dauer der Negativsymptome zu verkürzen und so die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Willeit betont jedoch, dass Ketamin kein Allheilmittel ist, sondern in Kombination mit psychotherapeutischen Ansätzen und sozialer Unterstützung wirken könnte.

Trotz moderner Therapiemöglichkeiten bleiben Versorgungslücken ein Problem. Weltweit erhalten bis zu zwei Drittel der Betroffenen keine angemessene Behandlung, oft bedingt durch Stigmatisierung und die Herausforderungen der Erkrankung selbst. Einrichtungen wie die Psychosozialen Dienste in Wien spielen eine Schlüsselrolle, indem sie niederschwellige Unterstützung bieten.

Das Projekt, das bis 2025 mit 404.000 Euro vom FWF gefördert wird, markiert einen wichtigen Schritt, um die Lebensqualität von Menschen mit Schizophrenie nachhaltig zu verbessern. Die Ergebnisse könnten den Weg für größere klinische Studien ebnen und die Behandlung dieser komplexen Erkrankung revolutionieren.