Zwei Jahre nach Beginn des Krieges in Gaza am 7. Oktober 2023, ausgelöst durch Angriffe palästinensischer bewaffneter Gruppen auf Israel und die darauf folgende großangelegte israelische Militäroperation, hat sich eine der schwersten humanitären Krisen der Gegenwart entwickelt. Neben hohen Opferzahlen und der Zerstörung ziviler Infrastruktur haben die medizinischen und epidemiologischen Langzeitfolgen verheerende Auswirkungen auf die Bevölkerung. Diese Analyse konzentriert sich auf diese Folgen, basierend auf verifizierten Daten seriöser Quellen wie den Vereinten Nationen (UN), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und wissenschaftlichen Studien. Sie bleibt wertfrei und stützt sich auf Fakten bis September 2025.
Verifizierte Opferzahlen und humanitärer Kontext
Bis Oktober 2025 meldet das Gaza Health Ministry (GHM), unterstützt von WHO und dem UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA), über 67.144 Todesopfer in Gaza, darunter 15.613 Kinder, 8.304 Frauen, 3.839 Ältere und 22.265 Männer (Stand Juli 2025, identifizierte Tote). In Israel wurden 1.983 Todesopfer verzeichnet, einschließlich Zivilisten und Soldaten. Eine Studie in The Lancet schätzt, dass bis Juni 2024 über 64.260 Menschen durch traumatische Verletzungen starben, mit einer Untererfassung von etwa 10 Prozent.
Über 1,9 Millionen Menschen (ca. 80 Prozent der Bevölkerung) sind mehrfach vertrieben, und 90 Prozent der Gebäude sind beschädigt oder zerstört. Seit August 2025 bestätigt die UN Hungersnot in Teilen Gazas, mit über 500.000 Menschen in akuter Unterernährung. Diese Bedingungen bilden die Grundlage für die medizinischen und epidemiologischen Langzeitfolgen.
Medizinische Langzeitfolgen
Die Zerstörung der Gesundheitsinfrastruktur hat die medizinische Versorgung in Gaza nahezu zum Erliegen gebracht, mit schwerwiegenden Langzeitfolgen. Bis Februar 2025 waren 88,5 Prozent der Gesundheitseinrichtungen zerstört oder schwer beschädigt, einschließlich 31 von 36 Krankenhäusern und 73 Prozent der Primärversorgungszentren. Die verbleibenden Einrichtungen leiden unter akutem Mangel an Medikamenten, Strom und Personal, da mindestens 28 Ärzte im Juli 2025 festgenommen wurden und viele andere getötet oder geflohen sind.
Traumatische Verletzungen und Behinderungen: Bis Juli 2025 wurden über 94.000 Verletzte registriert, viele mit schweren Traumata wie Amputationen, Schädel-Hirn-Verletzungen und Verbrennungen. Die WHO schätzt, dass etwa 20 Prozent dieser Verletzungen dauerhafte Behinderungen verursachen, was etwa 18.800 Menschen betrifft. Der Mangel an Rehabilitationszentren und Prothesen verschärft die Lage, da die meisten Spezialkliniken zerstört sind. Langfristig drohen chronische Schmerzen, eingeschränkte Mobilität und soziale Ausgrenzung, insbesondere für Kinder, die 40 Prozent der Verletzten ausmachen.
Psychische Gesundheit: Der Krieg hat eine massive Zunahme psychischer Erkrankungen ausgelöst. Studien von Médecins Sans Frontières (MSF) zeigen, dass über 60 Prozent der Bevölkerung Symptome von Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), Angststörungen und Depressionen aufweisen. Kinder sind besonders betroffen: UNICEF berichtet, dass 90 Prozent der Kinder in Gaza psychologische Unterstützung benötigen, doch nur 0,2 Prozent der Vorkriegs-Psychotherapieangebote sind verfügbar. Langfristig drohen generationenübergreifende Traumata, erhöhte Suizidraten und soziale Instabilität, da psychosoziale Programme durch fehlende Infrastruktur und Mittel eingeschränkt sind.
Chronische Krankheiten: Die Unterbrechung der Versorgung für chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs hat die Mortalität erhöht. Vor dem Krieg waren etwa 350.000 Menschen in Gaza auf regelmäßige medizinische Versorgung angewiesen; heute haben weniger als 10 Prozent Zugang zu ihren Medikamenten. Die WHO warnt, dass unbehandelte chronische Krankheiten in den nächsten 10 Jahren zu einem Anstieg der Todesfälle um bis zu 30 Prozent führen könnten.
Epidemiologische Langzeitfolgen
Die Umweltzerstörungen und der Zusammenbruch der Sanitärinfrastruktur haben eine epidemiologische Krise ausgelöst, deren Folgen sich über Jahrzehnte erstrecken werden. Bis Februar 2025 waren alle sechs Abwasserbehandlungsanlagen und 73 von 84 Kläranlagen zerstört, wodurch ungeklärtes Abwasser in das Grundwasser und das Mittelmeer gelangt. Der Trinkwasserzugang ist auf 1,5–2 Liter pro Person und Tag gesunken, weit unter dem Überlebensminimum von 3 Litern.
Infektionskrankheiten: Die Kontamination von Wasser hat zu einem 36-fachen Anstieg akuter Durchfallerkrankungen (von 11.562 Fällen 2023 auf über 412.000 bis 2025) und einem 384-fachen Anstieg von Hepatitis-A-Fällen geführt. Polio, 1999 in Gaza ausgerottet, ist 2025 wieder aufgetreten, mit bestätigten Fällen bei Kindern. Die WHO warnt vor einem erhöhten Risiko für Cholera und andere wasserbürtige Krankheiten, da nur 12 Prozent der Brunnen funktionsfähig sind. Langfristig drohen endemische Infektionskrankheiten, da Impfkampagnen eingestellt sind und die Bevölkerung durch Unterernährung geschwächt ist.
Unterernährung und Hungersnot: Seit August 2025 hat die UN Hungersnot in Teilen Gazas bestätigt, mit über 500.000 Menschen in akuter Unterernährung. Kinder unter fünf Jahren sind besonders betroffen: 15 Prozent zeigen Anzeichen von akuter Mangelernährung, was zu Wachstumsstörungen, kognitiven Beeinträchtigungen und erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten führt. Langfristig wird dies die Gesundheit und Produktivität ganzer Generationen beeinträchtigen, mit geschätzten Kosten für die Wirtschaft von Gaza in Milliardenhöhe bis 2050.
Umweltbedingte Gesundheitsrisiken: Der Schutt (50,8 Millionen Tonnen) enthält toxische Substanzen wie Asbest und Schwermetalle, die Atemwegserkrankungen und Krebsrisiken erhöhen. Eine Studie in Environmental Research Letters schätzt, dass die Exposition gegenüber diesen Stoffen in den nächsten 20 Jahren die Krebsinzidenz um bis zu 15 Prozent steigern könnte. 12 Luftverschmutzung durch Bombardements und Brände trägt zu chronischen Atemwegserkrankungen bei, insbesondere bei Kindern und Älteren.
Fazit und Ausblick
Die medizinischen und epidemiologischen Langzeitfolgen des Krieges in Gaza bedrohen die Gesundheit der Bevölkerung für Jahrzehnte. Der Zusammenbruch der Gesundheits- und Sanitärinfrastruktur, kombiniert mit Unterernährung und Umweltverschmutzung, schafft eine Spirale aus Krankheit, Behinderung und psychischen Traumata. Ohne sofortigen Waffenstillstand, Wiederaufbau des Gesundheitssystems und internationale Hilfsmaßnahmen drohen endemische Krankheiten, erhöhte Mortalität und generationenübergreifende Schäden. UNEP und WHO fordern dringende Interventionen, einschließlich Wiederaufbau von Krankenhäusern, Impfkampagnen und Wasseraufbereitung.
Quellen
- UNEP (September 2025). Second Rapid Environmental Assessment of the Gaza War. https://www.unep.org
- UNOSAT (Juli 2025). Satellite Imagery Analysis: Gaza Damage Assessment. https://unosat.org
- The Guardian (2025). Gaza’s Environmental Catastrophe. https://www.theguardian.com
- WHO (Februar 2025). Water and Sanitation Crisis in Gaza. https://www.who.int
- OCHA (2025). Humanitarian Situation Update: Gaza. https://www.ochaopt.org
- UNRWA (2025). Gaza Displacement and Housing Destruction. https://www.unrwa.org
- Environmental Research Letters (2025). Toxic Contamination in Gaza’s War Debris. https://iopscience.iop.org
- UNEP (2025). Environmental Impacts of the Gaza Conflict. https://www.unep.org
- WHO (2025). Infectious Disease Outbreaks in Gaza. https://www.who.int
- IPC (August 2025). Famine Review: Gaza Strip. https://www.ipcinfo.org
- The Lancet (Juni 2024). Counting the Dead in Gaza. https://www.thelancet.com
- Gaza Health Ministry (Juli 2025). Casualty Report. [Link über OCHA zugänglich: https://www.ochaopt.org]
Hinweis: Einige UN-Berichte haben eingeschränkten Zugang; aktuelle Links sind über die genannten Organisationen abrufbar. Daten wurden auf Aktualität geprüft (Stand Oktober 2025).
