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Ursula und Heiko von der Leyen: EU-Fördermittel und Interessenkonflikte

Ursula von der Leyen, seit 2019 Präsidentin der Europäischen Kommission, steht im Zentrum von Debatten über potenzielle Interessenkonflikte aufgrund der beruflichen Verbindungen ihres Ehemanns Heiko von der Leyen zur Pharmaindustrie. Der Mediziner und Professor hat seit 2020 als Medizinischer Direktor bei dem US-amerikanischen Biotech-Unternehmen Orgenesis Inc. gearbeitet, das sich auf Zell- und Gentherapien spezialisiert hat. Obwohl Orgenesis EU-Fördermittel für Forschungsprojekte erhalten hat, gibt es keine nachweisbaren direkten Verbindungen zu Pfizer, dem Pharma-Riesen, mit dem die EU während der Pandemie Verträge im Wert von Milliarden Euro abschloss. Dennoch haben Kritiker, darunter Abgeordnete des Europäischen Parlaments, wiederholt auf mögliche Beeinflussungen hingewiesen, insbesondere im Kontext der Impfstoffbeschaffung.

Ursula von der Leyen, eine ausgebildete Ärztin mit einem Master in Public Health, hat ihre Karriere in der Politik vor allem in der deutschen CDU verbracht. Vor ihrer Rolle in der EU-Kommission war sie von 2013 bis 2019 Bundesministerin der Verteidigung und davor Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ihre Ehe mit Heiko von der Leyen, den sie 1986 heiratete, geht auf gemeinsame Studienzeiten an der Medizinischen Hochschule Hannover zurück. Das Paar hat sieben Kinder und lebt in einem Umfeld, das stark von medizinischen und wissenschaftlichen Kreisen geprägt ist. Heiko von der Leyen, geboren 1955 in eine alte hannoversche Familie, hat eine lange Laufbahn in der Medizin und Forschung hinter sich. Nach seinem Medizinstudium und einer Spezialisierung in Pharmakologie, Innerer Medizin und Kardiologie forschte er in den 1990er Jahren am Stanford University Cardiovascular Research Center zu Themen wie kardiovaskulärer Gentherapie. Später leitete er von 2005 bis 2020 das Hannover Clinical Trial Center, eine akademische Einrichtung für klinische Studien.

Die engeren Verflechtungen mit der Pharma-Branche begannen für Heiko von der Leyen nach 1998, als er leitende Positionen in der Biotechnologiebranche übernahm. Er war in der klinischen Entwicklung von Arzneimitteln für innovative Therapien wie Tissue Engineering und DNA-Medizin involviert. Vor seiner Rolle bei Orgenesis arbeitete er elf Jahre bei GlaxoSmithKline (GSK), einem britischen Pharmakonzern, wo er sich mit der Entwicklung neuer Therapien beschäftigte. Ein ehemaliger Kollege bei Orgenesis, Vincent Vandamme, teilte diese GSK-Vergangenheit und war zuvor acht Jahre bei Pfizer als Qualitätsdirektor tätig. Solche beruflichen Überschneidungen in der Branche haben Spekulationen angeheizt, doch sie stellen keine direkte persönliche Beteiligung Heikos von der Leyen an Pfizer dar.

Seit Dezember 2020 ist Heiko von der Leyen Medizinischer Direktor bei Orgenesis, einem börsennotierten Unternehmen mit Sitz in den USA, das sich auf die Entwicklung von Zell- und Gentherapien konzentriert. Das Unternehmen forscht unter anderem an Projekten zur COVID-19-Behandlung, darunter ein präklinisches Vakzin namens AutoVac, das jedoch nicht mit Pfizer-Technologien verbunden ist. Orgenesis ist unabhängig und wird nicht von Pfizer kontrolliert oder besessen – Pfizer erscheint nicht unter den Aktionären, und es gibt keine dokumentierten Kooperationen zwischen den Firmen. Dennoch hat Orgenesis in den letzten Jahren EU-Gelder erhalten, was zu Kontroversen geführt hat. Eine italienische Tochterfirma des Unternehmens erhielt 2022 etwa 320 Millionen Euro im Rahmen des italienischen Recovery-Plans für ein Forschungsprojekt zu Gen- und Zelltherapien. Heiko von der Leyen war zu diesem Zeitpunkt im Aufsichtsrat dieses Projekts und trat im Oktober 2022 zurück, nachdem italienische Medien auf die Förderung aufmerksam machten. Eine weitere Zuwendung in Höhe von vier Millionen Euro stammte direkt von der EU-Kommission für ein ähnliches Projekt. Die EU-Transparenzkommissarin V?ra Jourová stellte klar, dass Heiko von der Leyen nicht an der Beantragung der Förderungen beteiligt war und keine Regeln zu Interessenkonflikten verletzt wurden.

Die Untersuchung, ob Pfizer in diese Verflechtungen involviert ist, ergibt keine substantiellen Belege. Behauptungen in sozialen Medien und einigen Berichten, dass Orgenesis eine Pfizer-Tochter sei oder Heiko von der Leyen direkt für den Konzern arbeite, sind widerlegt. Pfizer und Orgenesis operieren unabhängig voneinander; es gibt keine gemeinsamen Projekte oder Eigentumsverhältnisse. Faktenchecks von unabhängigen Organisationen bestätigen, dass solche Verbindungen fehlen. Dennoch wirft die Nähe zur Gentherapie-Forschung – einem Bereich, in dem Pfizer mit BioNTech mRNA-Impfstoffe entwickelt hat – Fragen zur Objektivität auf. Orgenesis‘ Fokus auf RNA-Technologien ähnelt den Techniken, die in COVID-Impfstoffen verwendet werden, was Kritiker als potenziellen Interessenkonflikt interpretieren, ohne dass konkrete Beweise für Beeinflussung vorliegen.

Besonders im Kontext der sogenannten „Pfizergate“-Affäre gewinnen diese Verbindungen an Relevanz. Ursula von der Leyen verhandelte 2020/2021 per Telefon und SMS mit Pfizer-CEO Albert Bourla über die Beschaffung von bis zu 1,8 Milliarden Impfdosen im Wert von rund 35 Milliarden Euro. Der Deal, der die EU zum größten Pfizer-Kunden machte, wurde als persönliche Initiative der Kommissionspräsidentin beschrieben und führte zu Vorwürfen der Undurchsichtigkeit. Die EU-Kommission verweigerte die Herausgabe der SMS-Nachrichten mit der Begründung, es handle sich um „ephemere“ Dokumente, die nicht archiviert werden müssten. Der Europäische Gerichtshof kritisierte dies im Mai 2025 scharf und urteilte, die Kommission habe keine plausible Erklärung für die Verweigerung geliefert. Die Nachrichten seien möglicherweise gelöscht oder durch Gerätewechsel verloren gegangen, was die Ombudsfrau als „Maladministration“ einstufte. Eine Klage vor einem belgischen Gericht in Lüttich wirft Korruption und Urkundenvernichtung vor, doch Heiko von der Leyen wird in diesen Verfahren nicht erwähnt. Die Affäre betrifft ausschließlich die direkte Kommunikation zwischen Ursula von der Leyen und Bourla, ohne dass der Ehemann eine Rolle spielte.

Abgeordnete der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament forderten 2022 eine Untersuchung der Kompatibilität von Ursula von der Leyens Position mit den Geschäftsaktivitäten ihres Mannes. Sie wiesen auf die EU-Fördermittel für Orgenesis hin und warnten vor potenziellen Konflikten bei der Vergabe von Geldern für Gentherapien. Die Kommission betonte, dass keine Verletzung von Transparenzregeln vorliege, da Heiko von der Leyen nicht in Entscheidungsprozesse involviert war. Dennoch bleibt die Debatte lebendig: Die Pharmaindustrie finanziert 86 Prozent des Budgets der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), was die Abhängigkeit der EU von privaten Akteuren unterstreicht. Orgenesis meldete 2022 einen Umsatz von nur 13 Millionen US-Dollar bei Verlusten von neun Millionen, was die Abhängigkeit von öffentlichen Förderungen verdeutlicht.

Heiko von der Leyens Rücktritt aus dem Aufsichtsrat 2022 signalisiert Sensibilität für die Kritik, doch Experten sehen in der Branche enge Netzwerke als normal an. Ursula von der Leyen hat in ihrer Amtszeit Initiativen wie das „Global Gateway“-Programm vorangetrieben, das Milliarden für Impfstoffproduktion in Afrika fließen lässt, darunter Projekte mit BioNTech und Univercells. Solche Maßnahmen unterstreichen ihre Rolle in der globalen Gesundheitspolitik, machen aber die Trennung von privaten und öffentlichen Interessen umso wichtiger. Die EU hat durch die Pandemieverträge mit Pharmafirmen wie Pfizer enorme Summen ausgegeben, was die Notwendigkeit strengerer Transparenzregeln unterstreicht. Bislang gibt es keine gerichtlichen Verurteilungen, doch der EuGH-Urteil zu den SMS-Nachrichten könnte weitere Untersuchungen nach sich ziehen. Die Kommission plant, das Urteil zu prüfen, beharrt aber auf der Einhaltung von Transparenzstandards.