Die Tastuntersuchung der Prostata, ein langjähriger Standard in der Krebsvorsorge für Männer, steht vor einer möglichen Abschaffung. Stattdessen soll die Bestimmung des Prostataspezifischen Antigens (PSA) im Blut an Bedeutung gewinnen. Namhafte Urologen kritisieren diesen Wandel und warnen vor den Folgen für Patienten, da aggressive Tumore unentdeckt bleiben könnten.
Die digitale rektale Untersuchung (DRU) ist derzeit ein zentraler Bestandteil der Prostatakrebs-Früherkennung und wird von gesetzlichen Krankenkassen für Männer ab 45 Jahren übernommen. Doch laut dem Barmer-Arzt-Report 2021 nutzen nur etwa 12 Prozent aller Männer diese Vorsorge, bei Männern ab 45 Jahren sind es lediglich 10,3 Prozent. Der Anteil steigt erst in höherem Alter auf maximal 36,8 Prozent. Die geringe Teilnahme wird oft auf die Unannehmlichkeit der Untersuchung zurückgeführt. Dennoch bleibt die Früherkennung entscheidend, da frühe Diagnosen die Heilungschancen deutlich verbessern.
Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) hat ihre S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom überarbeitet und empfiehlt in einer Konsultationsfassung, die Tastuntersuchung nicht mehr als Standard für die Früherkennung zu nutzen. Stattdessen sollen PSA-Bestimmung und Magnetresonanztomographie (MRT) an Bedeutung gewinnen, bei niedrigem Risiko wird zudem eine aktive Überwachung ohne Biopsien favorisiert. Diese Änderungen folgen einer Empfehlung der EU, die den PSA-Test stärker in den Fokus rückt.
Urologen wie Dr. Martin Löhr und Dr. Thomas Dill von der Spezialklinik für Prostata-Therapie in Heidelberg sehen die Entwicklung kritisch. Sie plädieren für eine Kombination aus Tastuntersuchung, PSA-Bestimmung und transrektalem Ultraschall, da jede Methode ihre Stärken und Schwächen hat. Die Tastuntersuchung kann Tumore übersehen, die ungünstig in der Prostata liegen, während der PSA-Wert durch harmlose Faktoren wie Entzündungen oder körperliche Aktivität beeinflusst werden kann. Besonders besorgniserregend sind etwa drei Prozent der Prostatakrebserkrankungen, bei denen aggressive Tumore keine PSA-Erhöhung verursachen und nur durch Tastuntersuchung oder Ultraschall entdeckt werden können.
Die Urologen betonen, dass eine frühzeitige Tumorerkennung essenziell ist, um zwischen Behandlungsoptionen wie Totalentfernung, fokaler Therapie oder aktiver Überwachung wählen zu können. Eine alleinige Fokussierung auf den PSA-Wert könnte dazu führen, dass aggressive Tumore unentdeckt bleiben. Zudem wird die PSA-Bestimmung derzeit nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen, sondern als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) privat bezahlt, ebenso wie transrektaler Ultraschall oder MRT.
Die geplante Änderung der Leitlinien könnte die Teilnahme an der Vorsorge erhöhen, da die Tastuntersuchung für viele Männer abschreckend wirkt. Doch ohne Kostenübernahme für PSA-Tests oder ergänzende Verfahren bleibt die flächendeckende Umsetzung fraglich. Urologen fordern ein „Sowohl-als-auch“-Modell, um die Vorteile aller Methoden zu nutzen und die Früherkennung zu optimieren. Ohne diese Kombination könnten Patienten, insbesondere mit seltenen, aber gefährlichen Tumoren, benachteiligt werden.
