Die deutsche Autoindustrie steht vor einer beispiellosen Krise, die nicht nur Millionen Arbeitsplätze gefährdet, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf angrenzende Industrien wie die Chemie- und Pharmabranche haben könnte. Laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind 3,2 Millionen Jobs in der Automobilbranche durch den Ausstieg aus der Verbrennertechnologie bis 2035 bedroht. Besonders betroffen sind Regionen wie Salzgitter, der Saarpfalz-Kreis und Speyer, wo ein hoher Anteil der Arbeitsplätze direkt oder indirekt an der Produktion von Verbrennerfahrzeugen hängt.
Globale und politische Herausforderungen für die Autoindustrie
Die Krise wird durch mehrere Faktoren angeheizt: eine schwächelnde Nachfrage auf den Weltmärkten, insbesondere in China, wo deutsche Premiumhersteller wie Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz Marktanteile an lokale Konkurrenten wie BYD und NIO verlieren, sowie hohe Importzölle in den USA (bis zu 27,5 Prozent). In Europa dämpfen Konsumzurückhaltung und hohe Preise die Nachfrage zusätzlich. Der größte Druck jedoch entsteht durch die EU-Vorgaben, die ab 2035 keine Neuzulassungen von Verbrennerfahrzeugen mehr erlauben. Deutsche Hersteller, die im Bereich Elektromobilität hinterherhinken – nur jedes zehnte Elektroauto weltweit stammt 2024 von einem deutschen Hersteller – stehen vor einer gewaltigen Transformation.
Auswirkungen auf die Chemie- und Pharmaindustrie
Die Chemie- und Pharmaindustrie, die eng mit der Automobilbranche verknüpft ist, wird von der Krise ebenfalls stark betroffen sein. Die Chemieindustrie liefert essenzielle Materialien wie Kunststoffe, Lacke, Klebstoffe und Batteriekomponenten, während die Pharmaindustrie durch ihre Zulieferung von Spezialchemikalien und indirekt über die wirtschaftliche Stärke der Automobilregionen betroffen ist. Laut Branchenexperten könnte ein Rückgang der Automobilproduktion in Deutschland zu einem Nachfragerückgang von bis zu 20 Prozent bei chemischen Produkten führen, insbesondere bei Materialien für Verbrenner-Komponenten wie Katalysatoren oder Schmierstoffe.

Regionen wie Ludwigshafen, Sitz des Chemieriesen BASF, oder Leverkusen, wo Bayer ansässig ist, sind besonders gefährdet. Diese Standorte profitieren von der Nähe zu Automobilzulieferern und könnten bei einem Produktionsrückgang in der Autoindustrie Umsatzeinbußen und Stellenabbau verzeichnen. Gleichzeitig bietet die Umstellung auf Elektromobilität Chancen: Die Nachfrage nach Batteriezellen und speziellen Kunststoffen für Elektrofahrzeuge könnte neue Märkte eröffnen. Allerdings erfordert dies massive Investitionen in Forschung und Entwicklung, um mit globalen Wettbewerbern Schritt zu halten.
Strukturwandel und regionale Disparitäten
Der Strukturwandel wird laut IW-Studie unterschiedliche Auswirkungen auf die Autoregionen haben. Standorte wie Stuttgart, Heilbronn oder Kassel könnten profitieren, da sie durch enge Verbindungen zu Forschungseinrichtungen und innovativen Zulieferern besser auf die Elektromobilität vorbereitet sind. Dagegen drohen Regionen wie Salzgitter oder der Saarpfalz-Kreis massive Einbußen, da sie stark von der Verbrennerproduktion abhängen. Seit 2021 ist die Beschäftigung im Verbrenner-Sektor bereits um elf Prozent gesunken, und dieser Trend dürfte sich fortsetzen.
Reaktionen der Industrie und politische Kontroversen
Die Automobilhersteller reagieren unterschiedlich auf die Krise. Volkswagen investiert massiv in Elektromobilität und neue Märkte wie die USA, während BMW auf eine Erholung des chinesischen Marktes setzt. Mercedes-Benz kämpft mit schwachem Absatz seiner Elektromodelle, plant aber neue Produkteinführungen. Gleichzeitig fordern Branchenvertreter auf der IAA in München längere Übergangsfristen für Plug-in-Hybride und die Förderung von E-Fuels. Bundeskanzler Friedrich Merz unterstützt die Forderung nach mehr „Technologieoffenheit“, während die EU-Kommission an ihrem ambitionierten Zeitplan festhält, um die Klimaziele nicht zu gefährden.
Hoffnung durch Innovation
Trotz der Herausforderungen sehen Experten Potenzial in der Entwicklung einer eigenen Batteriezellproduktion, Fortschritten im automatisierten Fahren und digitalen Diensten. Ein Erfolg wird jedoch davon abhängen, ob Politik, Industrie und Gewerkschaften einen Kompromiss finden, der Klimaschutz mit wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Absicherung verbindet.
Ausblick
Die deutschen Auto-, Chemie- und Pharmaindustrien stehen an einem Scheideweg. Ohne schnelle Anpassung an die Elektromobilität und globale Markttrends drohen massive Jobverluste und wirtschaftliche Einbußen. Gleichzeitig bietet die Transformation Chancen für innovative Regionen und Unternehmen, die bereit sind, in Zukunftstechnologien zu investieren. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Industriestandort zu sichern.

