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Krebsinzidenz bei Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki bis heute

Hiroshima und Nagasaki, August 1945: Die Abwürfe der Atombomben „Little Boy“ und „Fat Man“ durch die USA markierten nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern auch den Beginn einer der tragischsten Kapitel in der medizinischen Geschichte. Über 200.000 Menschen starben sofort oder in den folgenden Monaten an den direkten Folgen der Explosionen – Blastwellen, Hitze und akuter Strahlenkrankheit. Doch die unsichtbare Bedrohung, die ionisierende Strahlung, sollte sich erst in den Jahrzehnten danach voll entfalten. Heute, 80 Jahre später, bieten die Langzeitstudien an den Überlebenden – den sogenannten Hibakusha – unschätzbare Einblicke in die krebserzeugenden Effekte niedriger bis mittlerer Strahlendosen. Basierend auf Daten der Radiation Effects Research Foundation (RERF), die seit 1975 die Arbeit der Atomic Bomb Casualty Commission (ABCC) fortsetzt, zeichnet sich ein klares Bild: Die Strahlenexposition hat zu einem signifikanten Anstieg von Krebsfällen geführt, der bis in die Gegenwart anhält, wenngleich mit abnehmender Intensität bei jüngeren Kohorten.

Credits: Rap Dela Rea/ Unsplash

Die unmittelbaren Nachwirkungen der Bomben waren verheerend. In den ersten Wochen und Monaten litten die Überlebenden unter Symptomen der akuten Strahlenkrankheit: Übelkeit, Haarausfall, Blutungen und Infektionen aufgrund geschwächter Immunsysteme. Doch die erste Hinweise auf eine krebsfördernde Wirkung zeigten sich bereits zwei Jahre später mit einem Anstieg der Leukämiefälle, der vier bis sechs Jahre nach den Abwürfen seinen Höhepunkt erreichte. 1 Kinder waren besonders betroffen, da ihre schnell wachsenden Zellen anfälliger für Strahlenschäden sind. Die RERF schätzt, dass etwa 46 Prozent der Leukämiefälle bei den Hibakusha direkt auf die Strahlung zurückzuführen sind. Bis 2002 wurden in der Life Span Study (LSS)-Kohorte, die rund 120.000 Personen umfasst – darunter Überlebende und nicht-exponierte Kontrollen –, 315 Leukämietodesfälle registriert, von denen 45 Prozent (98 Fälle) als excessiv gelten, also über dem erwarteten Hintergrundrisiko liegen. Die Dosis-Response-Kurve für Leukämie ist nicht-linear und zeigt eine Aufwärtskrümmung im Bereich von 0 bis 3 Gray (Gy), mit einem Excess Relative Risk (ERR) pro Gy, der mit zunehmendem Alter bei der Exposition abnimmt.

Erst etwa zehn Jahre nach den Abwürfen, ab 1956, wurde ein Anstieg solider Tumore – also Krebsformen jenseits der Blutkrebsarten – evident. Der japanische Arzt Gensaku Obo dokumentierte dies erstmals, was zur Einrichtung von Tumorregistern in Hiroshima (1957) und Nagasaki (1958) führte. Diese Register, die mit der LSS-Kohorte verknüpft sind, ermöglichen eine präzise Erfassung der Inzidenz durch Verknüpfung mit Bevölkerungsdaten. Von 1958 bis 2009 wurden in der LSS 22.538 Fälle solider Tumore identifiziert, von denen 992 als strahlungsbedingt excessiv eingestuft werden. Die attributable Fraktion beträgt etwa 10,7 Prozent, niedriger als bei Leukämie, aber dennoch signifikant. Die Dosis-Response ist hier linear, ohne erkennbaren Schwellenwert, und erstreckt sich bis in niedrige Dosen von 0 bis 0,1 Gy, wo der ERR bei etwa 0,64 pro Gy für Frauen und 0,20 für Männer liegt (bei Exposition im Alter von 30 und Erreichen von 70 Jahren). Geschlechtsspezifische Unterschiede sind markant: Frauen weisen einen um 50 Prozent höheren ERR und Excess Absolute Risk (EAR) auf, was teilweise auf brust- und eierstockspezifische Krebsarten zurückzuführen ist.

Spezifische Krebsarten zeigen unterschiedliche Risikomuster. Erhöhte Inzidenzen gibt es für Magenkrebs (hoher EAR aufgrund hoher Basisrate in Japan), Lungenkrebs (ERR >0,8/Gy, verstärkt durch Rauchen), Brustkrebs (besonders bei jungen Frauen exponiert, mit ERR >0,8/Gy), Schilddrüsenkrebs (hoher ERR bei Kinderexposition), Blasenkrebs und Kolonkarzinom. Keine signifikanten Anstiege wurden für Prostatakrebs, Rektumkarzinom oder malignes Melanom beobachtet. Die Risiken persistieren lebenslang: Mehr als 60 Jahre nach der Exposition bleiben sie erhöht, wenngleich der ERR mit zunehmendem Alter abnimmt – proportional zur Alterspotenz. Für eine durchschnittliche Dosis von 0,2 Gy (innerhalb von 2,5 km vom Hypozentrum) steigt das Krebsrisiko um etwa 10 Prozent über dem Normalwert, bei 1 Gy um 50 Prozent. Jüngere Exponierte tragen ein höheres Lebenszeitrisiko, da ihre verbleibende Lebenserwartung länger ist und Strahlenschäden in wachsenden Geweben kumulieren.

Die LSS und der Adult Health Study (AHS), ein Subkohorte mit biennialen Untersuchungen seit 1958, haben diese Trends über Jahrzehnte dokumentiert. Dosimetrie-Systeme wie DS02 berücksichtigen individuelle Faktoren wie Ort, Abschirmung und Alter, um genaue Schätzungen zu ermöglichen. Neuere Analysen, etwa aus 2017, bestätigen geschlechtsspezifische Unterschiede in der Dosis-Response: Bei Männern zeigt sich eine aufwärtskrümmende Kurve, möglicherweise durch Rauchgewohnheiten beeinflusst, während sie bei Frauen linear bleibt. Bis 1998 wurden in einer Teilkohorte 7.851 solide Tumore beobachtet, mit 848 excessiven Fällen (10,7 Prozent). In-utero-Exponierte zeigen ein leicht erhöhtes Krebsrisiko, aber niedriger als bei Kindern, und keine transgenerationalen Effekte bei Nachkommen der Überlebenden.

Bis in die jüngste Zeit, Stand 2025, halten die Risiken an, wenngleich die absolute Zahl neuer Fälle abnimmt, da die Überlebenden altern (das Durchschnittsalter liegt bei über 80 Jahren). Eine 2024 veröffentlichte Studie der National Academies of Sciences betont, dass Leukämierisiken mit Dosis und Jugendalter korrelieren, und solide Krebsrisiken weiterhin linear sind. RERF-Pläne für 2025 umfassen erweiterte Follow-ups der LSS-Krebsinzidenz-Datenbank bis März 2025, mit Fokus auf Nicht-Krebs-Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Problemen, die ebenfalls strahlungsassoziiert sind (ERR 0,14 für Herzkrankheiten). Eine Januar-2025-Publikation untersucht Abweichungen von der Linearität in der Dosis-Response für solide Tumore und schlägt vor, dass kürzliche Beobachtungen einer Krümmung bei Männern die Risikoschätzungen verfeinern könnten. Zudem zeigt eine 2023-Analyse, dass Strahlenexposition vor einer Krebsdiagnose die Überlebenschancen nicht signifikant beeinträchtigt, was Hoffnung für Betroffene weckt.

Die Studien an den Hibakusha haben nicht nur die Strahlenschutzstandards weltweit geprägt – etwa durch Senkung der Schwellendosen für Katarakte auf 0,5 Gy –, sondern auch unser Verständnis von Strahlenrisiken revolutioniert. Dennoch bleibt die Botschaft ernüchternd: Selbst niedrige Dosen bergen Risiken, und die medizinischen Folgen der Atombomben wirken bis heute nach. In einer Welt mit anhaltenden nuklearen Bedrohungen mahnen diese Daten zur Vorsicht und zur Fortsetzung der Forschung, um zukünftige Generationen zu schützen.