Zum Inhalt springen
Home » Hasenpest in Deutschland: Eine seltene, aber ernstzunehmende Zoonose

Hasenpest in Deutschland: Eine seltene, aber ernstzunehmende Zoonose

Die Tularämie, im Volksmund als Hasenpest bekannt, ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die durch das gramnegative Bakterium Francisella tularensis verursacht wird. Diese Zoonose, die vor allem wildlebende Hasen, Kaninchen und Nagetiere befällt, kann auch auf den Menschen übertragen werden. In Deutschland ist die Krankheit zwar selten, doch in den letzten Jahren wurde eine Zunahme der Fallzahlen verzeichnet. Dieser Bericht beleuchtet die Nachweismethoden, das Risiko für den Menschen sowie die medizinische Therapie der Hasenpest, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Epidemiologie und Verbreitung in Deutschland

In Deutschland ist die Tularämie vor allem bei Feldhasen (Lepus europaeus) verbreitet, die als Hauptreservoir gelten. Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass 2024 insgesamt 178 Fälle beim Menschen gemeldet wurden, ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 102 Fällen im Jahr 2023 und nur 22 Fällen vor zehn Jahren. Besonders betroffen sind Regionen wie Bayern und Baden-Württemberg, wo das Bakterium in Feldhasenpopulationen zwischen Nordsee und Bodensee nachgewiesen wurde. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) verfolgt das Krankheitsgeschehen seit 2007, unterstützt durch ein Feldhasenmonitoring in Kooperation mit dem Bayerischen Jagdverband.

Die in Deutschland vorherrschende Unterart Francisella tularensis ssp. holarctica (Typ B) ist weniger virulent als die in Nordamerika vorkommende Unterart tularensis (Typ A). Dennoch kann sie beim Menschen schwere Krankheitsverläufe verursachen, insbesondere wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird. Die Zunahme der Fallzahlen wird teilweise auf verbesserte Diagnostik, vermehrte Aufmerksamkeit und witterungsbedingte Schwankungen in der Hasendichte zurückgeführt.

Übertragungswege und Risikogruppen

Die Hasenpest ist eine Zoonose, die durch direkten oder indirekten Kontakt mit infizierten Tieren oder deren Umgebung auf den Menschen übertragen wird. Häufige Übertragungswege umfassen:

  • Direkter Kontakt: Insbesondere Jäger, Metzger, Köche und Tierärzte sind gefährdet, da die Infektion beim Enthäuten oder Ausnehmen erlegten Wildes über kleine Haut- oder Schleimhautverletzungen erfolgen kann. Bereits 10–50 Bakterien reichen aus, um eine Infektion auszulösen.
  • Vektoren: Zecken (Ixodes ricinus, Dermacentor-Arten) und andere blutsaugende Insekten wie Bremsen oder Mücken können den Erreger übertragen. In Bayern wurden Fälle dokumentiert, bei denen ein Zeckenbiss die Infektion verursachte.
  • Indirekte Übertragung: Das Einatmen von kontaminiertem Staub (z. B. bei der Arbeit mit Heu oder Stroh, das mit Mäusekot verunreinigt ist) oder der Verzehr von unzureichend erhitztem Fleisch oder kontaminiertem Wasser sind weitere Infektionswege.
  • Haustiere: Hunde und Katzen können den Erreger mechanisch übertragen, obwohl sie selbst selten erkranken.

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht dokumentiert. Besonders gefährdet sind Personen, die regelmäßig in der Natur arbeiten oder Freizeitaktivitäten wie Jagen oder Wandern nachgehen. Laut dem Europäischen Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sollten sich diese Gruppen der Übertragungswege bewusst sein.

Symptome und Krankheitsverläufe

Die Inkubationszeit der Tularämie beträgt in der Regel 3–5 Tage, kann aber zwischen 1 und 21 Tagen liegen. Die klinischen Manifestationen hängen von der Eintrittspforte des Erregers ab. Die häufigste Form ist die ulzeroglanduläre Tularämie, charakterisiert durch ein schmerzloses Geschwür an der Infektionsstelle (z. B. nach einem Zeckenbiss) und eine schmerzhafte Schwellung der regionalen Lymphknoten. Weitere Formen umfassen:

  • Glanduläre Tularämie: Lymphknotenschwellung ohne sichtbare Hautläsion.
  • Pneumonische Tularämie: Nach Inhalation des Erregers, mit Symptomen wie Fieber, Husten und Atemnot.
  • Oropharyngeale Tularämie: Nach Verzehr kontaminierter Nahrung, mit Halsschmerzen und geschwollenen Tonsillen.
  • Oculoglanduläre Tularämie: Bei Kontakt mit den Augen, mit Bindehautentzündung und Lymphknotenschwellung.
  • Typhoidale Tularämie: Systemische Infektion mit unspezifischen Symptomen wie Fieber, Durchfall und Erbrechen.

Zu Beginn treten oft grippeähnliche Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen auf. Unbehandelt kann die Infektion in bis zu 30–60 % der Fälle tödlich verlaufen, insbesondere bei der nordamerikanischen Typ-A-Variante. In Europa ist die Letalität der Typ-B-Variante jedoch gering (<1 %), und Spontanheilungen sind möglich.

Nachweismethoden

Die Diagnose der Tularämie erfordert eine Kombination aus klinischer Untersuchung, Anamnese (z. B. Kontakt mit Wildtieren oder Zeckenbisse) und labordiagnostischen Verfahren. Die Nachweismethoden umfassen:

  • Kultureller Nachweis: Francisella tularensis ist ein anspruchsvolles Bakterium, das auf speziellen Cystein-haltigen Nährmedien gezüchtet wird. Proben (z. B. Wundabstriche, Biopsien, Blut) werden in spezialisierten Laboren untersucht. Der kulturelle Nachweis ist der Goldstandard, aber zeitaufwendig.
  • Serologie: Der Nachweis spezifischer Antikörper (IgM/IgG) mittels ELISA oder Agglutinationstests ist weit verbreitet. Antikörper sind jedoch erst 1–2 Wochen nach Infektionsbeginn nachweisbar, weshalb Serologie für die Frühdiagnostik ungeeignet ist.
  • Molekulare Methoden: Die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) ermöglicht den schnellen und spezifischen Nachweis der bakteriellen DNA in klinischen Proben. Diese Methode wird zunehmend eingesetzt, insbesondere in Endemiegebieten.
  • Pathohistologie: Bei Tieren (z. B. Feldhasen) zeigen Obduktionen typische Veränderungen wie Milzvergrößerung, Lymphknotenschwellung und nekrotische Herde in Leber oder Lunge. Diese Befunde unterstützen die Diagnose.

In Deutschland ist der direkte oder indirekte Nachweis der Tularämie nach § 7 des Infektionsschutzgesetzes meldepflichtig. Bei Tieren unterliegt die Erkrankung der Verordnung über meldepflichtige Tierkrankheiten.

Risiko für den Menschen

Das Risiko, in Deutschland an Tularämie zu erkranken, wird vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) als gering eingeschätzt. Dennoch besteht für bestimmte Berufsgruppen (Jäger, Förster, Landwirte) und Personen, die viel Zeit in der Natur verbringen, ein erhöhtes Infektionsrisiko. Die hohe Infektiosität des Erregers (10–50 Bakterien reichen für eine Infektion) und seine Umweltresistenz (Wochen bis Monate in Wasser oder Boden) machen Vorsicht geboten.

Besondere Vorsicht ist in Endemiegebieten wie dem Nordosten Österreichs oder Flusslandschaften in Deutschland (z. B. Rhein, Main) erforderlich. Das Risiko einer Infektion über Lebensmittel oder Wasser ist gering, da Fleisch gut durchgegart werden sollte und Trinkwasser in Deutschland strengen Kontrollen unterliegt. Dennoch wurden vereinzelte Fälle nach dem Verzehr von unzureichend erhitztem Wildfleisch dokumentiert.

Therapie und Prävention

Die Tularämie ist mit Antibiotika gut behandelbar, sofern die Therapie frühzeitig beginnt. Die Wahl des Antibiotikums richtet sich nach dem Krankheitsverlauf und der Resistenzlage:

  • Erstlinientherapie: Streptomycin oder Gentamicin (Aminoglykoside) sind die Mittel der Wahl, da sie hoch wirksam sind. Die Therapie dauert in der Regel 10–14 Tage.
  • Alternativen: Bei milderen Verläufen oder Kontraindikationen kommen Ciprofloxacin oder Doxycyclin zum Einsatz. Bei Kindern wird Ciprofloxacin bevorzugt, bei schwerem Verlauf in Kombination mit Gentamicin.
  • Supportive Maßnahmen: Schmerzen, Fieber oder Geschwüre werden symptomatisch behandelt, z. B. mit Analgetika oder lokalen Wundbehandlungen. In seltenen Fällen ist eine chirurgische Entfernung von Abszessen erforderlich.

?-Lactam-Antibiotika wie Penicillin sind unwirksam, da Francisella tularensis von Natur aus resistent ist. Eine prophylaktische Antibiotikagabe (Postexpositionsprophylaxe) mit Ciprofloxacin oder Doxycyclin kann bei hohem Expositionsrisiko (z. B. Laborpersonal, Autopsien) in Betracht gezogen werden, sollte jedoch individuell abgewogen werden.

Präventive Maßnahmen sind entscheidend, um Infektionen zu vermeiden:

  • Schutzkleidung: Beim Umgang mit Wildtieren sollten Handschuhe, Atemschutzmasken und Schutzkleidung getragen werden.
  • Zeckenschutz: Insektenschutzmittel, lange Kleidung und rasches Entfernen von Zecken reduzieren das Infektionsrisiko.
  • Hygiene: Gründliches Händewaschen nach Kontakt mit Tieren oder potenziell kontaminierten Materialien ist essenziell.
  • Lebensmittelhygiene: Wildfleisch sollte stets gut durchgegart werden.
  • Vermeidung von Kontakt: Tote oder kranke Wildtiere sollten nicht berührt, sondern den Behörden gemeldet werden.

Ein zugelassener Impfstoff gegen Tularämie ist in Deutschland nicht verfügbar. Zwar gibt es Forschungsansätze für attenuierte Lebendimpfstoffe, Subunit-Impfstoffe und mRNA-Vakzinen, doch diese befinden sich noch in der Entwicklung.

Fazit

Die Hasenpest bleibt in Deutschland eine seltene, aber potenziell gefährliche Zoonose. Dank moderner Diagnostik und effektiver Antibiotikatherapie sind schwere Verläufe selten, sofern die Erkrankung frühzeitig erkannt wird. Dennoch erfordert die steigende Fallzahl erhöhte Vigilanz, insbesondere bei Risikogruppen. Präventive Maßnahmen wie Schutzkleidung, Zeckenschutz und Hygiene sind entscheidend, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Die enge Zusammenarbeit zwischen Veterinär- und Gesundheitsbehörden sowie die Meldepflicht tragen dazu bei, das Krankheitsgeschehen zu überwachen und Ausbrüche frühzeitig einzudämmen. Wer in der Natur aktiv ist, sollte sich der Risiken bewusst sein und bei grippeähnlichen Symptomen nach Tierkontakt oder Zeckenbissen umgehend einen Arzt konsultieren.

Quellen: Robert Koch-Institut, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Bundesinstitut für Risikobewertung, Friedrich-Loeffler-Institut