Im Frühjahr 2020, als die Welt in der Corona-Pandemie versank, begann der Lübecker Mediziner und Unternehmer Winfried Stöcker in seinem privaten Labor an einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu arbeiten. Stöcker, ein erfahrener Immunologe und Gründer des Diagnostikunternehmens Euroimmun, das er 2017 für 1,2 Milliarden Euro verkaufte, entwickelte ein proteinbasiertes Antigen, das er „LubecaVax“ nannte. Sein Ansatz war klassisch: Ein rekombinantes Spike-Protein, hergestellt in Zellkulturen, sollte Antikörperbildung auslösen, ohne die neuartige mRNA-Technologie von BioNTech oder Moderna zu nutzen. Stöcker testete das Antigen zunächst an sich selbst, später an Familienmitgliedern und Freiwilligen. Neutralisationstests, unter anderem von Christian Drosten an der Charité, bestätigten die Bildung virusneutralisierender Antikörper. Stöcker behauptete, sein Impfstoff sei sicher, effektiv und in großen Mengen herstellbar – bis zu einer Million Dosen pro Tag mit einem 2000-Liter-Reaktor. Doch statt Anerkennung erntete er Strafanzeigen, polizeiliche Razzien und mediale Kontroversen. Während BioNTech und Moderna mit beispielloser Geschwindigkeit Zulassungen erhielten, wurde Stöckers Projekt blockiert. War er ein risikofreudiger Einzelkämpfer, der die Pandemie hätte eindämmen können, oder wurde er von der Pharmaindustrie und den Behörden systematisch ausgebremst?
Stöckers Impfstoff basierte auf einer bewährten Technologie. Proteinbasierte Impfstoffe, wie sie gegen Hepatitis B oder HPV eingesetzt werden, sind seit Jahrzehnten etabliert. Anders als mRNA-Impfstoffe, die den Körper zur Eigenproduktion von Antigenen anregen, liefert Stöckers Vakzin direkt das Antigen – ein Ansatz, der weniger unbekannte Risiken birgt, da keine genetische Information in den Körper eingebracht wird. Stöcker berichtete, dass bei über 150 Geimpften, darunter er selbst, keine nennenswerten Nebenwirkungen auftraten und 95 Prozent hohe Antikörpertiter entwickelten. Er veröffentlichte sein Rezept auf seiner Website, in der Hoffnung, dass ein Pharmakonzern die Produktion übernimmt. Doch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), zuständig für Impfstoffzulassungen in Deutschland, warf ihm vor, gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben, da er ohne Genehmigung klinische Tests durchführte. Im November 2021 stürmte die Polizei den Lübecker Flughafen, den Stöcker besitzt, und beendete eine Impfaktion, bei der 50 Personen geimpft worden waren. Ermittlungen gegen Stöcker und zwei beteiligte Ärzte folgten. Sein Verteidiger, FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, argumentierte, es habe sich um individuelle Heilversuche gehandelt, die keiner Genehmigung bedurften. Doch die Behörden blieben hart: Ohne umfassende präklinische und klinische Studien keine Zulassung.
Während Stöcker mit rechtlichen Konsequenzen kämpfte, erhielten BioNTech und Moderna ihre Zulassungen in Rekordzeit. Der mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer wurde in der EU am 21. Dezember 2020 zugelassen, Moderna folgte am 6. Januar 2021. Dieser Prozess war außergewöhnlich schnell. Normalerweise dauert die Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffs 10 bis 15 Jahre, mit Phasen I bis III, die Tausende Probanden und Jahre der Nachbeobachtung umfassen. BioNTech und Moderna durchliefen diese Phasen in weniger als einem Jahr. Die Phase-III-Studien von BioNTech umfassten etwa 44.000 Probanden, doch die Nachbeobachtungszeit war kurz, und Langzeitdaten zu Sicherheit und Wirksamkeit fehlten bei der Zulassung. Kritiker, darunter einige Wissenschaftler, wiesen darauf hin, dass die mRNA-Technologie, die zuvor nie in großem Maßstab bei Menschen eingesetzt worden war, unzureichend auf Langzeitrisiken geprüft wurde. Toxikologische Gutachten zu den Lipidnanopartikeln (LNPs), die die mRNA transportieren, wurden laut öffentlichen Diskussionen nicht vollständig vorgelegt. Dennoch erhielten beide Unternehmen eine bedingte Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), gestützt auf den pandemischen Notstand.
Dabei sind die Standards für Impfstoffzulassungen streng. Nach dem Contergan-Skandal 1961 wurden in Deutschland und weltweit Vorschriften verschärft, um die Sicherheit von Arzneimitteln zu gewährleisten. Diese umfassen präklinische Tests an Tieren, um Toxizität auszuschließen, und umfangreiche klinische Studien, die doppelt verblindet durchgeführt werden, um Verzerrungen zu vermeiden. Stöcker verzichtete auf solche Tests, da er sie in der Pandemie für verzichtbar hielt. Doch während seine Eigenversuche als „unzulässige Menschenversuche“ gebrandmarkt wurden, profitierten BioNTech und Moderna von beschleunigten Verfahren. Die EMA und das PEI priorisierten Geschwindigkeit über die üblichen Standards, gestützt auf politischen Druck und milliardenschwere Förderungen. BioNTech erhielt allein vom deutschen Staat 375 Millionen Euro, Moderna wurde von der US-Regierung mit über 2,5 Milliarden Dollar unterstützt. Stöcker hingegen finanzierte sein Projekt privat und suchte keine finanziellen Partner, was seine Möglichkeiten für aufwendige Studien begrenzte.
Die Frage, ob Stöcker von „Big Pharma“ hereingelegt wurde, ist komplex. Seine Kritiker, darunter Virologe Friedemann Weber, betonten, dass Sicherheit bei Impfstoffen oberste Priorität habe und Stöckers unkonventioneller Ansatz dies gefährde. Doch Stöcker selbst sah sich als Opfer eines Systems, das große Pharmakonzerne bevorzugt. Er warf BioNTech vor, durch Patente und Marktinteressen Konkurrenten auszubremsen. Tatsächlich hatte die mRNA-Technologie für die Industrie Vorteile: Sie ist skalierbar, patentierbar und versprach hohe Gewinnmargen. Proteinbasierte Impfstoffe wie der von Stöcker oder Novavax, das erst 2022 zugelassen wurde, waren weniger innovativ und weniger lukrativ. Stöckers Vorwurf, die Behörden hätten seine Entwicklung ignoriert, um etablierte Konzerne zu schützen, fand in Teilen der Öffentlichkeit Resonanz. Auf seinem Blog und in sozialen Medien wurde er von Impfskeptikern als Held gefeiert, der gegen ein korruptes System kämpft. Wissenschaftlich blieb seine Arbeit jedoch umstritten: Ohne großangelegte Studien fehlten Beweise für die Langzeitsicherheit und Wirksamkeit seines Impfstoffs.
Allerdings: Die Sicherheitsdebatte um die Corona-Impfstoffe von „Big Pharma“ zeigt, dass auch die schnell zugelassenen Vakzine nicht frei von Problemen waren, wie das Beispiel AstraZeneca verdeutlicht. Der Vektorimpfstoff Vaxzevria, im März 2021 in der EU zugelassen, wurde zunächst als kostengünstige Alternative zu mRNA-Impfstoffen gefeiert. Doch schon bald häuften sich Berichte über seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen, insbesondere thrombotische Ereignisse in Kombination mit Thrombozytopenie (TTS). Bis April 2021 meldete die EMA 169 Fälle von zerebralen Venenthrombosen bei 34 Millionen verabreichten Dosen, darunter mehrere Todesfälle. Diese Risiken führten dazu, dass Länder wie Deutschland und Frankreich die Anwendung zeitweise aussetzten oder auf bestimmte Altersgruppen beschränkten. Die Zulassung basierte auf Studien mit etwa 24.000 Probanden, doch die Daten zu seltenen Nebenwirkungen waren unvollständig, da solche Effekte erst in der breiten Anwendung sichtbar wurden. Kritiker wiesen darauf hin, dass die beschleunigten Verfahren und der politische Druck, Impfstoffe schnell bereitzustellen, die üblichen Sicherheitsstandards unterliefen. AstraZenecas Probleme unterstreichen, dass selbst bei milliardenschwer geförderten Konzernen die Sicherheit nicht vollständig gewährleistet war – ein Vorwurf, der auch Stöckers Kritik an den Behörden und der Pharmaindustrie Nahrung gibt. Schliesslich entzog die EMA die Zulassung.
Die Pandemie stellte die Welt vor beispiellose Probleme, und die schnellen Zulassungen für BioNTech und Moderna retteten zweifellos Leben. Doch die Abweichung von langjährigen Standards wirft Fragen auf. Warum wurde Stöckers Ansatz, der auf bewährter Technologie basierte, nicht zumindest geprüft? Waren die Behörden überfordert, oder stand der wirtschaftliche und politische Druck im Vordergrund? Stöcker, der auch durch polemische Äußerungen zur Asylpolitik und Spenden an die AfD polarisierte, machte sich keine Freunde in der etablierten Wissenschaft. Sein unkonventioneller Stil und seine Weigerung, sich den Regularien zu beugen, machten ihn zur Zielscheibe. Ob er ein visionärer Einzelkämpfer oder ein Regelbrecher war, bleibt offen. Fest steht: Während BioNTech und Moderna milliardenschwere Märkte eroberten, blieb Stöcker ein Rebell am Rande – mit einem Impfstoff, der vielleicht hätte Geschichte schreiben können.
