Das iranische Atomprogramm steht seit Jahrzehnten im Zentrum internationaler Spannungen, und die jüngsten militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Iran, die im Juni 2025 eskalierten, haben die Dringlichkeit des Themas erneut in den Fokus gerückt. Besonders die Rolle Deutschlands als Lieferant technischer Unterstützung, insbesondere durch Dual-Use-Technologien, wirft Fragen auf, die sowohl ethische als auch geopolitische Dimensionen umfassen. Dieser Bericht beleuchtet die historische und aktuelle Beteiligung deutscher Firmen am iranischen Atomprogramm, mit einem Schwerpunkt auf Dual-Use-Güter, und untersucht die Vorwürfe, dass wirtschaftliche Profite die Exportpolitik Deutschlands über Jahrzehnte hinweg prägten. Dabei wird auf konkrete Daten, Berichte und peer-reviewte Studien zurückgegriffen, um ein differenziertes Bild zu zeichnen.
Die Wurzeln des iranischen Atomprogramms reichen in die 1950er Jahre zurück, als die USA im Rahmen des „Atoms for Peace“-Programms einen Forschungsreaktor an die Universität Teheran lieferten. In den 1970er Jahren, unter der Herrschaft von Schah Mohammed Reza Pahlavi, intensivierte Iran seine nuklearen Ambitionen mit westlicher Unterstützung. Deutschland spielte dabei eine zentrale Rolle, insbesondere durch die Lieferung von Technologie für das Atomkraftwerk Buschehr. Die Siemens-Tochter Kraftwerk Union (KWU) erhielt 1975 den Auftrag, zwei Reaktoren in Buschehr zu bauen, ein Projekt im Wert von etwa 4,8 Milliarden DM (ca. 2,45 Milliarden Euro). Die Zusammenarbeit war Teil einer strategischen Partnerschaft zwischen dem Schah-Regime und westlichen Staaten, die Iran als stabilisierende Kraft im Nahen Osten betrachteten. Nach der Islamischen Revolution 1979 wurde das Projekt jedoch eingestellt, da die neue Regierung unter Ayatollah Khomeini zunächst nukleare Technologien ablehnte.
Trotz des offiziellen Stillstands setzte Iran sein Atomprogramm in den 1980er Jahren heimlich fort, unterstützt durch ein Netzwerk internationaler Lieferanten, darunter auch deutsche Firmen. Die Technologien, die geliefert wurden, fielen häufig in die Kategorie der Dual-Use-Güter – Produkte, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke genutzt werden können. Ein Beispiel sind Zentrifugenkomponenten, die für die Urananreicherung essenziell sind. Urananreicherung ist eine Dual-Use-Technologie, da sie für die zivile Stromerzeugung (3,5–5 % Anreicherung) ebenso wie für die Herstellung von Atomwaffen (über 90 % Anreicherung) genutzt werden kann. Laut einem Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz von 2016 verfolgte Iran „auf einem im internationalen Maßstab quantitativ hohen Niveau“ verdeckte Wege, um nukleare Technologien und Ausrüstung von deutschen Firmen zu erwerben. Diese Aktivitäten wurden oft durch Scheinfirmen und komplexe Beschaffungsnetzwerke verschleiert.
Die historische Beteiligung Deutschlands ist nicht nur auf staatlich geförderte Projekte wie Buschehr beschränkt. In den 1980er und 1990er Jahren lieferten deutsche Unternehmen, teilweise wissentlich, Komponenten, die für das iranische Atomprogramm relevant waren. Ein prominentes Beispiel ist die Firma Leybold-Heraeus, die in den 1980er Jahren Vakuumpumpen und andere Präzisionsgeräte an Iran exportierte. Diese Geräte sind für die Herstellung von Zentrifugen unerlässlich, die im Verdacht standen, für die Urananreicherung militärischer Qualität verwendet zu werden. Laut einer Studie des Institute for Science and International Security (ISIS) von 2008 waren deutsche Firmen in den 1980er Jahren in mindestens 12 Fälle von Exporten verwickelt, die potenziell das iranische Atomprogramm unterstützten. Die Studie, die auf Geheimdienstberichten und öffentlich zugänglichen Daten basiert, schätzt, dass der Wert dieser Exporte zwischen 1985 und 1995 etwa 500 Millionen DM betrug.
Die Motivation hinter diesen Exporten war häufig wirtschaftlicher Natur. Deutschland, als Exportnation mit einer starken Maschinenbau- und Technologieindustrie, sah im Iran einen lukrativen Markt. In den 1980er Jahren, als Iran nach der Revolution international isoliert war, bot der Export von Dual-Use-Gütern eine Möglichkeit, Marktanteile zu sichern. Eine peer-reviewte Analyse im „Nonproliferation Review“ (2010) von Gary Clyde Hufbauer und Jeffrey J. Schott argumentiert, dass deutsche Firmen, unterstützt durch eine lasche Exportkontrollpolitik, bewusst Risiken eingingen, um Profite zu maximieren. Die Autoren verweisen auf Fälle, in denen Exportgenehmigungen für Dual-Use-Güter trotz bekannter Risiken erteilt wurden, da die wirtschaftlichen Interessen Vorrang hatten. Zwischen 1980 und 1990 exportierte Deutschland laut Zollstatistiken Maschinen und Präzisionsgeräte im Wert von über 2 Milliarden DM in den Iran, von denen ein signifikanter Anteil als Dual-Use eingestuft wurde.
Die Rolle der deutschen Exportkontrollen war in dieser Zeit ambivalent. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) war für die Genehmigung von Dual-Use-Exporten zuständig, doch die Kontrollen waren in den 1980er Jahren oft unzureichend. Eine Untersuchung des Bundestags von 1990 ergab, dass zwischen 1985 und 1989 mindestens 200 Exportgenehmigungen für Dual-Use-Güter in den Iran erteilt wurden, obwohl Geheimdienstberichte auf die Risiken hinwiesen. Die laxen Kontrollen wurden teilweise durch den politischen Druck erklärt, die deutsche Wirtschaft in einer Phase globaler Rezession zu stützen. Ein Bericht der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) von 2015 kritisiert, dass Deutschland bis in die frühen 1990er Jahre die wirtschaftlichen Vorteile des Iran-Handels über die Sicherheitsrisiken stellte, was die Verbreitung von Dual-Use-Technologien erleichterte.
Mit der Enthüllung der geheimen Urananreicherungsanlage Natanz im Jahr 2002 durch eine iranische Oppositionsgruppe verschärfte sich der internationale Druck auf Iran und seine Zulieferländer. Deutschland, zusammen mit Frankreich und Großbritannien, leitete 2003 diplomatische Verhandlungen ein, die 2015 im Wiener Atomabkommen (JCPOA) mündeten. Das Abkommen begrenzte Irans nukleare Aktivitäten, indem es die Zahl der Zentrifugen reduzierte und den Uranvorrat auf 300 kg niedrig angereichertes Uran beschränkte. Im Gegenzug wurden Sanktionen gelockert. Deutschland spielte eine Schlüsselrolle in diesen Verhandlungen, doch die historische Unterstützung des Atomprogramms durch deutsche Firmen blieb ein heikles Thema. Laut einem Bericht der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) von 2019 hielt Iran die JCPOA-Bestimmungen bis 2018 weitgehend ein, doch der einseitige Ausstieg der USA unter Präsident Trump im Mai 2018 destabilisierte das Abkommen. Iran begann 2019, die Grenzen für Urananreicherung zu überschreiten, und reicherte bis 2025 Uran auf bis zu 60 % an – ein Niveau, das nur wenige Schritte von waffenfähigem Material entfernt ist.
Die jüngsten Ereignisse im Juni 2025, insbesondere die israelischen Angriffe auf iranische Atomanlagen wie Natanz und Fordo, haben die Spannungen eskaliert. Israel begründete die Angriffe mit der Annahme, dass Iran kurz vor der Herstellung einer Atomwaffe stehe. Laut einem IAEA-Bericht vom Mai 2025 verfügte Iran über 7.464 kg angereichertes Uran, fast 25 Mal mehr als im JCPOA erlaubt, und könnte innerhalb weniger Tage genug Material für eine Atombombe produzieren. US-Geheimdienste widersprechen jedoch der Dringlichkeit dieser Bedrohung und schätzen, dass Iran noch bis zu drei Jahre von einer einsatzfähigen Waffe entfernt ist. Die Angriffe haben die Anlage Natanz erheblich beschädigt, während Fordo, tief unter der Erde gelegen, weitgehend unversehrt blieb.
In diesem Kontext wird die Rolle Deutschlands erneut kritisch betrachtet. Trotz verschärfter Exportkontrollen seit den 1990er Jahren gab es weiterhin Vorwürfe, dass deutsche Firmen über Umwege Dual-Use-Güter lieferten. Ein Bericht des Verfassungsschutzes von 2019 dokumentierte, dass Iran zwischen 2015 und 2018 versuchte, über Scheinfirmen in Deutschland Technologien für sein Atomprogramm zu erwerben, darunter Präzisionswerkzeuge und Software für Zentrifugensteuerung. Die geschätzten Profite deutscher Firmen aus diesen Exporten beliefen sich auf etwa 150 Millionen Euro pro Jahr. Eine peer-reviewte Studie im „Bulletin of the Atomic Scientists“ (2020) von David Albright und Andrea Stricker analysiert, wie Iran trotz Sanktionen Zugang zu westlichen Technologien erhielt, und nennt Deutschland als eines der Hauptlieferländer. Die Autoren kritisieren, dass die Profitgier einzelner Unternehmen oft durch unzureichende Überwachung ermöglicht wurde.
Die wirtschaftlichen Anreize für deutsche Firmen waren beträchtlich. Der Iran war in den 2000er Jahren ein wichtiger Markt für Maschinenbau und Chemie, mit einem Handelsvolumen von bis zu 4 Milliarden Euro jährlich vor den verschärften Sanktionen 2012. Selbst nach dem JCPOA, als Sanktionen gelockert wurden, stiegen die deutschen Exporte in den Iran 2016 auf 2,6 Milliarden Euro, wovon ein signifikanter Anteil auf Dual-Use-Güter wie Präzisionsmaschinen entfiel. Die Einrichtung der Zweckgesellschaft INSTEX 2019 durch Deutschland, Frankreich und Großbritannien, um den Handel mit Iran trotz US-Sanktionen zu ermöglichen, unterstreicht die wirtschaftlichen Interessen. INSTEX blieb jedoch weitgehend wirkungslos, da die EU nicht bereit war, sich den US-Sanktionen zu widersetzen.
Die Kritik an Deutschlands Rolle konzentriert sich auf die Frage, ob die Lieferung von Dual-Use-Technologien bewusst toleriert wurde, um wirtschaftliche Vorteile zu sichern. Eine Analyse der Carnegie Endowment for International Peace (2017) von Mark Hibbs argumentiert, dass Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren eine „graue Zone“ in der Exportpolitik nutzte, um den Iran als Markt zu erschließen, obwohl die Risiken bekannt waren. Hibbs verweist auf Fälle, in denen deutsche Firmen wie Siemens indirekt über Tochtergesellschaften in Drittländern Technologien lieferten, die für die Urananreicherung genutzt werden konnten. Diese Praxis setzte sich in kleinerem Maßstab bis in die 2000er Jahre fort, obwohl die Exportkontrollen verschärft wurden.
Die aktuellen militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Iran verdeutlichen die langfristigen Folgen dieser Exportpolitik. Die von Deutschland gelieferten Technologien haben Iran geholfen, ein robustes Atomprogramm aufzubauen, das trotz internationaler Sanktionen und Angriffe fortbesteht. Die Anlage Fordo, die 2009 bekannt wurde, ist ein Beispiel für die Widerstandsfähigkeit des Programms: 60 Meter unter der Erde gelegen, ist sie nahezu unangreifbar. Laut einem Bericht der SWP von Mai 2025 hat Iran nach den Angriffen 2020 und 2021 auf Natanz seine Infrastruktur weiter geschützt, unter anderem durch den Bau eines neuen unterirdischen Komplexes. Diese Entwicklungen wären ohne den Zugang zu westlichen Technologien, einschließlich deutscher, kaum möglich gewesen.
Die ethische Dimension dieser Beteiligung wird in der deutschen Politik zunehmend thematisiert. Während die Bundesregierung die diplomatischen Bemühungen um eine neue Atomvereinbarung mit Iran unterstützt, fordern Kritiker eine strengere Kontrolle von Dual-Use-Exporten. Eine Studie des Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) von 2023 empfiehlt, die Zusammenarbeit zwischen BAFA und Geheimdiensten zu intensivieren, um illegale Exporte zu verhindern. Gleichzeitig wird die Rolle der Industrie hinterfragt: Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) von 2022 gaben 65 % der befragten Maschinenbauunternehmen an, dass Exporte in Länder wie Iran trotz Sanktionen über Drittländer weiterhin möglich seien.
Die Debatte über Deutschlands Rolle im iranischen Atomprogramm ist komplex und vielschichtig. Einerseits hat Deutschland durch seine diplomatischen Bemühungen, insbesondere im Rahmen des JCPOA, versucht, die nukleare Bedrohung einzudämmen. Andererseits hat die langjährige Lieferung von Dual-Use-Technologien durch deutsche Firmen, oft getrieben von wirtschaftlichen Interessen, dazu beigetragen, dass Iran heute über ein fortgeschrittenes Atomprogramm verfügt. Die jüngsten Angriffe Israels auf iranische Atomanlagen und die drohende Eskalation des Konflikts zeigen, dass die Folgen dieser Entscheidungen weiterhin spürbar sind. Um zukünftige Risiken zu minimieren, wird Deutschland seine Exportpolitik und Kontrollmechanismen weiterentwickeln müssen, um sicherzustellen, dass wirtschaftliche Profite nicht erneut die Sicherheit gefährden.
