Essen, 18. Juni 2025 – Ein Forschungsteam der Universitätsmedizin Essen hat eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Die Milz spielt eine zentrale Rolle beim Schutz des Herzens vor Schäden durch einen Herzinfarkt. Unter der Leitung von Prof. Dr. Petra Kleinbongard und Prof. Dr. Dr. hc. Dr. hc. Gerd Heusch vom Institut für Pathophysiologie der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) wurde nachgewiesen, dass die Milz durch Aktivierung des Vagusnervs schützende Faktoren freisetzt, die die Schäden durch eine Minderdurchblutung des Herzens deutlich reduzieren können. Diese Erkenntnisse, die neue therapeutische Ansätze eröffnen, wurden in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht, zuletzt in einer Übersichtsarbeit in Nature Reviews Cardiology.
Die Milz als Herzschützer
Bisher galt die Milz im Kontext von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor allem als Immunorgan, das Entzündungsprozesse nach einem Herzinfarkt fördert und so zur Entwicklung einer Herzschwäche beiträgt. Die Essener Forschenden rücken die Milz nun in ein neues Licht: Sie fungiert als Schaltzentrum, das über das autonome Nervensystem mit dem Herz-Kreislauf-System interagiert und aktiv Schutzmechanismen aktiviert. Der Schlüssel zu diesem Prozess ist der Vagusnerv, ein zentraler Bestandteil des parasympathischen Nervensystems, der Signale vom Gehirn bis zum Verdauungstrakt überträgt.
Die Forschenden zeigten in Tiermodellen, dass die Stimulation des Vagusnervs die Milz anregt, herzschützende Substanzen ins Blut freizusetzen. Ein Ansatz, der sogenannte Remote Ischaemic Conditioning (RIC), nutzt kurzzeitige Minderdurchblutung in peripherem Gewebe, etwa an Arm oder Bein, um den Vagusnerv zu aktivieren. Dieser löst in der Milz die Freisetzung von Schutzfaktoren aus, die die Infarktgröße im Herzen erheblich verringern. Bereits 2018 belegten die Essener Wissenschaftler diesen Mechanismus in Studien an Ratten und Schweinen (Circulation Research, 2019).
Übertragung auf den Menschen
2024 gelang der Nachweis, dass dieser Schutzmechanismus auch beim Menschen funktioniert. In einer Studie mit freiwilligen Probanden verglich das Team Personen mit intakter Milz mit solchen, denen die Milz aufgrund eines Traumas entfernt worden war. Die Vagusnervstimulation wurde entweder durch RIC oder durch transkutane Vagusnervstimulation (tVNS) am Tragus, einer Region des Außenohrs, ausgelöst. Nur bei Probanden mit intakter Milz wurden nach der Stimulation herzschützende Substanzen im Blutplasma nachgewiesen. Diese Substanzen schützten isolierte Rattenherzen in Laborexperimenten vor Infarktschäden (European Heart Journal, 2024).
„Die Milz agiert wie ein Vermittler, der Signale des Vagusnervs in eine biochemische Schutzreaktion umsetzt“, erklärte Prof. Dr. Petra Kleinbongard. „Unsere Ergebnisse zeigen, wie ein Reiz an einer entfernten Körperstelle, etwa am Arm oder Ohr, über die Milz systemisch das Herz schützen kann.“ Diese Erkenntnisse unterstreichen die komplexe Rolle der Milz, die weit über immunologische Funktionen hinausgeht.
Neue therapeutische Perspektiven
Die Bedeutung der Forschung wird in einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit in Nature Reviews Cardiology hervorgehoben, in der Kleinbongard und Heusch die Milz als zentrales Bindeglied zwischen Nervensystem und Herz-Kreislauf-System beschreiben. „Unsere Daten legen nahe, dass die Milz nicht nur das Herz, sondern möglicherweise auch das Gehirn vor Schäden, etwa durch einen Schlaganfall, schützen könnte“, so Kleinbongard. Die Ergebnisse eröffnen vielversprechende therapeutische Ansätze, darunter die gezielte Stimulation des Vagusnervs oder die Entwicklung von Medikamenten, die die Schutzmechanismen der Milz aktivieren.
Prof. Dr. Gerd Heusch betonte die translationale Bedeutung der Arbeit: „Wir stehen am Anfang eines neuen Verständnisses der Milz als aktives Schutzorgan. Unsere Forschung könnte die Grundlage für innovative Therapien bilden, die Herzinfarktpatienten künftig besser vor Langzeitschäden bewahren.“ Die Essener Arbeitsgruppe plant, die Mechanismen weiter zu untersuchen und die klinische Anwendung der Vagusnervstimulation in größeren Studien zu prüfen.
Ein Paradigmenwechsel in der Kardiologie
Die Entdeckung des Essener Teams markiert einen Paradigmenwechsel in der Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Milz, lange Zeit primär als Immunorgan betrachtet, erweist sich als Schlüsselspieler in der Kardioprotektion. Die enge Verknüpfung von Vagusnerv, Milz und Herz eröffnet neue Wege für die Prävention und Therapie von Herzinfarkten und möglicherweise weiteren Erkrankungen. Die Universitätsmedizin Essen festigt mit dieser Arbeit ihre Position als führendes Zentrum für kardiovaskuläre Forschung und legt den Grundstein für zukunftsweisende Behandlungsstrategien.
Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41569-024-01114-x The spleen in ischaemic heart disease
