Die Arzneimittelproduktion in Deutschland steckt in einer tiefen Krise, geprägt von anhaltenden Lieferengpässen und einer gefährlichen Abhängigkeit von ausländischen Märkten. Im Herbst 2024 meldete das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte über 500 nicht lieferbare Medikamente, darunter lebenswichtige Präparate wie das Krebsmedikament Tamoxifen, Antibiotika wie Amoxicillin und Fiebersäfte wie Paracetamol für Kinder. Apotheken kämpfen täglich mit der Beschaffung, was Patienten zunehmend gefährdet. Hauptursache ist die Abhängigkeit von Wirkstofflieferungen aus Asien: Rund 80 % der Generika-Wirkstoffe stammen aus China und Indien, wo Produktionsausfälle, wie etwa durch Stromknappheit in chinesischen Fabriken 2023, sofort globale Auswirkungen haben. Hohe Energiekosten und strenge Umweltauflagen machen Deutschland als Produktionsstandort unattraktiv, während bürokratische Hürden Investitionen bremsen.
Die deutsche Pharmaindustrie hat in den letzten Jahrzehnten massiv Produktionskapazitäten ins Ausland verlagert. So schloss der Generika-Hersteller Stada 2022 sein Werk in Bad Vilbel, während Novartis seine Produktion von Schmerzmitteln teilweise nach Osteuropa verlagerte. Preisdruck durch Rabattverträge der Krankenkassen zwingt Hersteller, Kosten zu senken, wodurch die Produktion in Billiglohnländern attraktiver wird. Dennoch gibt es Ansätze für Verbesserungen: Merck investiert 1,5 Milliarden Euro in einen neuen Halbleiter- und Pharmastandort in Darmstadt, und Eli Lilly plant eine neue Produktionsstätte für Insulin in Alzey. Solche Projekte bleiben jedoch Ausnahmen.
Politische Gegenmaßnahmen greifen bislang kaum. Ein geplantes Arzneimittelgesetz soll Zulassungsprozesse beschleunigen, doch konkrete Schritte wie eine verpflichtende Bevorratung oder die Förderung europäischer Lieferketten stocken. Experten warnen, dass ohne eine Rückführung der Produktion und ein Frühwarnsystem für Engpässe die Versorgungssicherheit weiter gefährdet ist. Deutschland, einst führend in der Pharmaindustrie, droht seine Rolle als „Apotheke der Welt“ endgültig zu verlieren, wenn nicht bald gehandelt wird.
