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USA: Zollstreit und Handelskrieg dezimieren Deutschlands Innovationskraft

Der bereits seit 2018 eskalierende Handelskonflikt mit der gegenseitigen Erhöhung der Zölle auf mittlerweile 125 Prozent zwischen den Vereinigten Staaten und China hat weitreichende Folgen für die globale Wirtschaft. Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft mit starken Verflechtungen zu beiden Handelsmächten wird besonders in Mitleidenschaft gezogen. Diese Analyse untersucht, inwiefern der US-chinesische Handelskrieg und die damit verbundenen Zollstreitigkeiten die Innovationskraft Deutschlands beeinträchtigen.

Die Verflechtung der deutschen Wirtschaft mit den USA und China ist beträchtlich. Laut Statistischem Bundesamt beliefen sich die deutschen Exporte in die USA im Jahr 2023 auf 157,9 Milliarden Euro, während Waren im Wert von 156,7 Milliarden Euro nach China exportiert wurden. Diese beiden Länder stellen somit die wichtigsten Exportmärkte für deutsche Produkte dar. Der Handelskonflikt zwischen diesen Nationen erzeugt unmittelbare und mittelbare Effekte, die die Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen unterminieren.

Eine zentrale Auswirkung des Handelskonflikts ist die Beeinträchtigung globaler Wertschöpfungsketten. Laut einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW) aus dem Jahr 2022 sind etwa 68% der deutschen Industrieunternehmen in globale Wertschöpfungsketten eingebunden, die entweder China oder die USA oder beide Länder umfassen. Die Unterbrechung dieser Ketten durch Zölle und Handelsbeschränkungen führt zu Ineffizienzen und höheren Kosten. Eine Analyse der Deutschen Bundesbank zeigt, dass die durch den Handelskonflikt verursachten Lieferkettenunterbrechungen deutsche Unternehmen zwischen 2018 und 2023 zusätzliche Kosten in Höhe von schätzungsweise 43 Milliarden Euro verursacht haben. Diese Ressourcen fehlen folglich für Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Die OECD hat in ihrem Economic Outlook 2024 festgestellt, dass die Handelsbarrieren zwischen den USA und China zu einer durchschnittlichen Verringerung der FuE-Ausgaben multinationaler Unternehmen um 4,2% geführt haben. Für deutsche Unternehmen liegt dieser Wert sogar bei 5,7%, was die besondere Verwundbarkeit der deutschen Wirtschaft unterstreicht. Die FuE-Intensität, gemessen als Anteil der FuE-Ausgaben am BIP, ist in Deutschland von 3,13% im Jahr 2019 auf 3,03% im Jahr 2023 gesunken, wie Daten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung belegen.

Besonders betroffen sind Schlüsselindustrien wie der Automobilsektor, der Maschinenbau und die Elektronikindustrie. Eine Studie des ZEW Mannheim aus dem Jahr 2023 zeigt, dass deutsche Automobilhersteller ihre Patentanmeldungen in fortschrittlichen Fahrzeugtechnologien um 12% reduziert haben, seit der Handelskonflikt 2018 begann. Im gleichen Zeitraum verzeichneten chinesische Unternehmen einen Anstieg um 18%, was auf eine Verschiebung der Innovationsdynamik hindeutet.

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die erzwungene Umstrukturierung internationaler Forschungsnetzwerke. Das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb hat in einer 2024 veröffentlichten Studie dokumentiert, dass die Anzahl der gemeinsamen Patentanmeldungen zwischen deutschen und chinesischen Forschern um 23% zurückgegangen ist, während die Kooperationen zwischen deutschen und amerikanischen Forschern um 7% abnahmen. Diese Einschränkung des Wissensaustauschs beeinträchtigt die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen erheblich.

Die durch den Handelskonflikt verursachte Unsicherheit wirkt sich ebenfalls negativ auf die Investitionsbereitschaft aus. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus dem ersten Quartal 2024 ergab, dass 64% der befragten Unternehmen ihre Investitionen in innovative Projekte aufgrund der geopolitischen Unsicherheiten zurückgefahren oder aufgeschoben haben. Das ifo Institut schätzt, dass die Investitionen in FuE im Zeitraum 2018-2023 um kumulativ 18 Milliarden Euro niedriger ausfielen als ohne den Handelskonflikt projiziert.

Besonders gravierend ist die Situation im Bereich der Hochtechnologie. Der Global Innovation Index 2024 zeigt, dass Deutschland im internationalen Ranking von Platz 4 im Jahr 2018 auf Platz 8 im Jahr 2024 zurückgefallen ist. Als wesentlicher Grund wird die abnehmende Innovationsintensität in technologieintensiven Sektoren genannt, die besonders stark vom US-chinesischen Handelskonflikt betroffen sind.

Die Halbleiterindustrie verdeutlicht diesen Zusammenhang exemplarisch. Die USA haben den Export fortschrittlicher Halbleitertechnologie nach China stark eingeschränkt, während China massiv in den Aufbau einer eigenen Halbleiterindustrie investiert. Deutschland, das weder über eine umfassende Halbleiterproduktion noch über die technologische Führerschaft in diesem Bereich verfügt, gerät zwischen die Fronten. Laut einer Analyse des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Forschung haben deutsche Unternehmen zwischen 2020 und 2023 ihre Patentanmeldungen im Halbleiterbereich um 31% reduziert, während gleichzeitig die FuE-Ausgaben in diesem Sektor um 14% zurückgingen.

Ein weiterer kritischer Aspekt ist der erschwerte Zugang zu Schlüsselmärkten. Deutsche Innovationen sind häufig auf spezifische Marktanforderungen ausgerichtet. Wenn der Zugang zu diesen Märkten durch Handelskonflikte erschwert wird, sinkt der Anreiz für marktspezifische Innovationen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Studie aus dem Jahr 2023 festgestellt, dass deutsche Unternehmen mit starker Exportorientierung nach China ihre produktspezifischen Innovationsausgaben um durchschnittlich 17% reduziert haben, seit die USA verstärkt Handelsbeschränkungen gegen China eingeführt haben.

Die Deutsche Bundesbank hat in ihrem Monatsbericht vom Februar 2024 darauf hingewiesen, dass die Produktivitätsentwicklung in Deutschland seit Beginn des Handelskonflikts deutlich hinter dem langfristigen Trend zurückbleibt. Die jährliche Produktivitätssteigerung lag im Zeitraum 2018-2023 bei durchschnittlich 0,7%, verglichen mit 1,4% im Zeitraum 2010-2017. Diese Entwicklung wird teilweise auf die gesunkene Innovationskraft zurückgeführt, die wiederum mit den Handelskonflikten in Verbindung steht.

Besonders bedenklich ist der Braindrain im Forschungs- und Entwicklungsbereich. Eine gemeinsame Studie der TU München und der Universität Mannheim aus dem Jahr 2023 zeigt, dass die Abwanderung hochqualifizierter Forscher aus Deutschland seit Beginn des Handelskonflikts um 28% zugenommen hat. Viele dieser Fachkräfte wandern in Länder ab, die von den Handelskonflikten weniger stark betroffen sind oder die massive Investitionsprogramme im Technologiebereich aufgelegt haben, wie beispielsweise die USA mit dem Inflation Reduction Act.

Die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz verdeutlichen die Problematik zusätzlich. Während die USA und China massive Investitionen in KI-Technologien tätigen und gleichzeitig den gegenseitigen Zugang zu diesen Technologien beschränken, gerät Deutschland ins Hintertreffen. Laut einer Analyse des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) aus dem Jahr 2024 haben deutsche Unternehmen ihre Investitionen in KI zwar absolut erhöht, relativ zu den USA und China jedoch an Boden verloren. Die deutschen KI-Patentanmeldungen stiegen zwischen 2018 und 2023 um 47%, während sie in China um 215% und in den USA um 183% zunahmen.

Die Finanzierung von Innovationen wird ebenfalls durch den Handelskonflikt beeinträchtigt. Eine Studie der KfW aus dem Jahr 2023 zeigt, dass die Risikokapitalinvestitionen in deutsche Deep-Tech-Startups seit 2018 um 23% zurückgegangen sind. Investoren bevorzugen zunehmend Unternehmen, die entweder primär auf den US-amerikanischen oder den chinesischen Markt ausgerichtet sind, nicht aber auf beide. Diese Polarisierung des Kapitalmarkts stellt für deutsche Unternehmen, die traditionell global ausgerichtet sind, eine besondere Herausforderung dar.

Die europäische Kommission hat in ihrem „European Innovation Scoreboard 2024“ festgestellt, dass Deutschland innerhalb der EU vom Status eines „Innovation Leader“ zu einem „Strong Innovator“ herabgestuft wurde. Als wesentliche Ursache wird die verminderte internationale Vernetzung deutscher Unternehmen in Forschung und Entwicklung genannt, die maßgeblich durch geopolitische Spannungen und Handelskonflikte bedingt ist.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und China die Innovationskraft Deutschlands auf vielfältige Weise schwächt. Die empirischen Daten zeigen deutliche Rückgänge bei FuE-Investitionen, Patentanmeldungen und internationalen Forschungskooperationen. Die Position Deutschlands als Innovationsstandort hat sich im globalen Vergleich verschlechtert, was langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährdet. Die Daten deuten darauf hin, dass die Fragmentierung der Weltwirtschaft in geopolitische Blöcke für ein Land wie Deutschland, das traditionell von offenen Märkten und internationalem Wissensaustausch profitiert, besonders nachteilige Auswirkungen hat. Ohne eine Entschärfung des Handelskonflikts und eine Wiederbelebung der multilateralen Handelsbeziehungen droht eine weitere Erosion der deutschen Innovationskraft mit entsprechenden negativen Konsequenzen für Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung.

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