Berlin, 28. März 2025 – Der Betrug im deutschen Gesundheitswesen hat einen neuen Höchststand erreicht. Laut einem aktuellen Bericht des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), der am heutigen Freitag veröffentlicht wurde, entstand den Kassen in den Jahren 2022 und 2023 ein finanzieller Schaden von über 200 Millionen Euro durch kriminelle Machenschaften. Dies ist die höchste Summe, seit die Erfassung solcher Fälle im Jahr 2008 begann.

Gefälschte Rezepte als Haupttreiber
Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Bereich der Arznei- und Verbandsmittel: Hier summierten sich die Schäden auf fast 86 Millionen Euro. Der Hauptgrund sind gefälschte Papierrezepte, mit denen Kriminelle teure Medikamente wie die Abnehmspritze Ozempic oder Schmerzmittel wie Tilidin und Fentanyl abgreifen. Diese werden oft kostenlos über Apotheken bezogen und anschließend auf dem illegalen Markt weiterverkauft – ein lukratives Geschäft für die Täter. So kostet beispielsweise das Krebsmedikament Lonsurf in Online-Apotheken über 3.200 Euro pro Packung, was es zu einem begehrten Ziel macht.
Ein besonders dreister Fall, den der Bericht nennt, betrifft Rezepte, die in einer Apotheke eingelöst wurden, die hunderte Kilometer vom Wohnort der Versicherten und dem Sitz der verschreibenden Ärzte entfernt lag. In einem anderen Fall wurden Rezepte sogar nach dem Tod der Versicherten ausgestellt und abgerechnet – ein dreistelliger Millionenbetrag war die Folge.
Hohe Verluste trotz Rückgewinn
Trotz des enormen Schadens konnten die Krankenkassen rund 92 Millionen Euro „sichern“ – ebenfalls ein Rekordwert. Diese Gelder wurden entweder gerichtlich oder außergerichtlich zurückgeholt und können wieder dem Gesundheitswesen zugutekommen. Im Bereich der Arzneimittel blieben jedoch nur knapp 37 Millionen Euro zurückholbar, was die Schwierigkeit der Bekämpfung in diesem Sektor verdeutlicht.
Pflege und häusliche Krankenpflege ebenfalls betroffen
Neben den Arzneimitteln verzeichnet der Bericht hohe Schäden in der Pflege und häuslichen Krankenpflege, mit jeweils über 30 Millionen Euro. Hier geht es häufig um Abrechnungen von Leistungen, die nie erbracht wurden. Die zunehmende Komplexität der Betrugsfälle, oft mit vernetzten Strukturen und mehreren Beteiligten, erschwert die Aufklärung zusätzlich.
Forderung nach mehr Forschung
Der GKV-Spitzenverband fordert angesichts der Zahlen eine umfassende Studie, um das sogenannte „Dunkelfeld“ – also unentdeckte Betrugsfälle – besser zu beleuchten. „Die steigende Tendenz zeigt, dass wir es mit einem wachsenden Problem zu tun haben“, heißt es im Bericht. Schon im Januar 2025 hatte die AOK Nordost vor gefälschten Rezepten für teure Medikamente gewarnt, ein Hinweis darauf, dass die Kriminellen immer dreister vorgehen.
Ein System unter Druck
Die Rekordzahlen werfen Fragen auf: Wie kann ein derartiger Betrug in einem hochregulierten System wie dem deutschen Gesundheitswesen florieren? Kritiker sehen nicht nur die Täter in der Verantwortung, sondern auch die Strukturen selbst. Mit 94 Mitgliedskassen fragt sich mancher, ob eine Zentralisierung der Kräfte – etwa durch eine einzige Krankenkasse – die Betrugsbekämpfung effizienter machen könnte. Auch die hohen Summen, die unbemerkt abfließen, lassen Zweifel an der Kontrolle aufkommen.
Für die Versicherten bleibt die bittere Erkenntnis: Jeder Euro, der durch Betrug verloren geht, fehlt letztlich in der Versorgung. Der GKV-Bericht ist ein Weckruf – die Frage ist, ob und wie schnell gehandelt wird.
