In den letzten Jahren ist in Deutschland ein Wiederaufleben sogenannter „alter“ Infektionserkrankungen zu beobachten, die lange Zeit als gut kontrolliert oder nahezu ausgerottet galten. Dazu zählen Krankheiten wie Masern, Keuchhusten (Pertussis), Tuberkulose und in bestimmten Regionen auch Diphtherie. Dieses Phänomen wird durch verschiedene Faktoren begünstigt, darunter sinkende Impfraten, globale Mobilität, Antibiotikaresistenzen und sozioökonomische Veränderungen. Die labormedizinische Diagnostik spielt eine zentrale Rolle bei der Erkennung dieser Erkrankungen, da viele von ihnen unspezifische klinische Symptome aufweisen, die eine Differenzierung ohne Laboruntersuchungen erschweren. Dieser Bericht beleuchtet die wiederkehrenden Infektionserkrankungen in Deutschland und beschreibt detailliert die relevanten Laborparameter zur Diagnosestellung.
Hintergrund: Ursachen des Comebacks
- Sinkende Impfraten: Trotz eines gut etablierten Impfprogramms sinkt die Impfbereitschaft in Teilen der Bevölkerung, was die Herdenimmunität gefährdet. Masern und Keuchhusten sind hierfür prominente Beispiele.
- Globale Mobilität: Migration und Reisen fördern die Einschleppung von Erregern, insbesondere von Tuberkulose, die in Ländern mit schlechter Gesundheitsversorgung endemisch bleibt.
- Antibiotikaresistenzen: Bei bakteriellen Infektionen wie Tuberkulose erschweren multiresistente Stämme (MDR-TB) die Behandlung und erhöhen die Verbreitung.
- Klimawandel und soziale Faktoren: Veränderte Umweltbedingungen und Armut können die Inzidenz von Infektionen wie Tuberkulose begünstigen, indem sie die Lebensbedingungen verschlechtern.
Relevante Infektionserkrankungen und ihre labormedizinische Diagnostik
1. Masern
- Epidemiologie: Masern sind eine hochansteckende Viruserkrankung, die durch das Masern-Virus (Measles Virus, ein Paramyxovirus) verursacht wird. In Deutschland wurden 2023 trotz Impfprogrammen wiederholt Ausbrüche gemeldet, oft in Regionen mit niedrigen Impfquoten.
- Klinische Symptome: Fieber, Exanthem, Husten, Konjunktivitis – unspezifisch und erfordern Laborbestätigung.
- Laborwerte:
- Serologie: Nachweis von Masern-spezifischen IgM-Antikörpern (ELISA) als Zeichen einer akuten Infektion. IgG-Antikörper deuten auf eine durchgemachte Infektion oder Impfung hin. Ein Titeranstieg im Verlauf (zwei Proben im Abstand von 7–14 Tagen) bestätigt die Diagnose.
- PCR: Direkter Nachweis der Masern-RNA aus Rachenabstrichen, Urin oder Blut mittels real-time Polymerase-Ketten-Reaktion (RT-PCR). Sensitiver und spezifischer als Serologie, insbesondere in der Frühphase.
- Blutbild: Leukopenie (verminderte weiße Blutkörperchen) und Lymphozytose sind unspezifisch, aber häufig.
2. Keuchhusten (Pertussis)
- Epidemiologie: Verursacht durch Bordetella pertussis, zeigt Keuchhusten ein Comeback, oft bei Jugendlichen und Erwachsenen mit nachlassendem Impfschutz. In Deutschland wurden 2022 über 10.000 Fälle gemeldet.
- Klinische Symptome: Paroxysmaler Husten, inspiratorisches „Keuchen“, oft ohne Fieber – kann mit anderen Atemwegsinfektionen verwechselt werden.
- Laborwerte:
- Kultur: Nachweis von Bordetella pertussis aus Nasopharynxabstrichen auf speziellen Nährmedien (z. B. Regan-Lowe-Agar). Sensitivität gering, da zeitkritisch und durch Antibiotika beeinflusst.
- PCR: Nachweis der bakteriellen DNA (IS481-Gen) aus Nasopharynxsekret. Methode der Wahl wegen hoher Sensitivität und Schnelligkeit.
- Serologie: IgG- und IgA-Antikörper gegen Pertussis-Toxin (PT) oder Filamentöses Hämagglutinin (FHA). Ein Titeranstieg im Verlauf ist diagnostisch.
- Blutbild: Markante Lymphozytose (oft >10.000/µl), typisch für Pertussis, aber nicht spezifisch.
3. Tuberkulose
- Epidemiologie: Verursacht durch Mycobacterium tuberculosis, ist Tuberkulose in Deutschland mit etwa 4.000–5.000 Fällen jährlich wieder präsent, oft durch Migration aus Hochinzidenzländern.
- Klinische Symptome: Chronischer Husten, Nachtschweiß, Gewichtsverlust – unspezifisch und oft spät erkennbar.
- Laborwerte:
- Mikroskopie: Ziehl-Neelsen-Färbung von Sputum zur Identifikation säurefester Stäbchen. Schnell, aber geringe Sensitivität.
- Kultur: Anzucht auf Löwenstein-Jensen-Medium als Goldstandard, jedoch zeitaufwendig (4–8 Wochen).
- PCR: Nachweis der DNA (IS6110-Sequenz) aus Sputum oder Bronchialsekret. Schnell und spezifisch, z. B. mittels GeneXpert MTB/RIF, das auch Rifampicin-Resistenz testet.
- Interferon-Gamma-Release-Assays (IGRA): Quantiferon-TB-Gold-Test oder T-SPOT.TB zur Diagnose einer latenten Tuberkulose-Infektion (LTBI). Misst die Immunantwort auf TB-spezifische Antigene (ESAT-6, CFP-10).
- Entzündungsparameter: Erhöhtes CRP und BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit) sind unspezifisch, aber unterstützen die Diagnose bei aktiver TB.
4. Diphtherie
- Epidemiologie: Verursacht durch Corynebacterium diphtheriae, ist Diphtherie in Deutschland selten, aber vereinzelte Fälle (oft importiert) wurden in den letzten Jahren dokumentiert.
- Klinische Symptome: Pseudomembranen im Rachen, Fieber, Lymphadenopathie – charakteristisch, aber Laborbestätigung erforderlich.
- Laborwerte:
- Kultur: Anzucht auf Löffler- oder Tinsdale-Medium aus Rachenabstrichen. Nachweis des Toxin-produzierenden Stammes entscheidend.
- PCR: Nachweis des Diphtherie-Toxin-Gens (tox-Gen) aus Probenmaterial. Schnell und sensitiv.
- Serologie: Anti-Diphtherie-Toxin-Antikörper (IgG) zur Beurteilung des Impfstatus, nicht zur Akutdiagnose geeignet.
- Blutbild: Leukozytose mit Linksverschiebung als unspezifisches Zeichen einer bakteriellen Infektion.
Herausforderungen in der Labordiagnostik
- Spezifität und Sensitivität: Serologische Tests können durch Kreuzreaktionen (z. B. bei Masern mit anderen Viren) falsch-positive Ergebnisse liefern.
- Zeitfenster: Der Nachweis von IgM oder Erreger-DNA ist oft nur in einem engen Zeitrahmen möglich (z. B. Pertussis-PCR in den ersten 2–3 Wochen).
- Resistenztestung: Bei Tuberkulose ist die Identifikation resistenter Stämme (MDR/XDR-TB) essenziell, erfordert jedoch spezialisierte Labore.
- Präanalytik: Die Qualität der Probenentnahme (z. B. tiefer Nasopharynxabstrich bei Pertussis) beeinflusst die Ergebnisse erheblich.
Prävention und Überwachung
Die labormedizinische Diagnostik ist nicht nur für die individuelle Therapie entscheidend, sondern auch für die öffentliche Gesundheit. Meldepflichtige Erkrankungen wie Masern, Tuberkulose und Diphtherie erfordern eine rasche Identifikation, um Ausbrüche einzudämmen. In Deutschland überwacht das Robert Koch-Institut (RKI) die Inzidenz und koordiniert Maßnahmen wie Kontaktverfolgung und Impfkampagnen.
Fazit
Das Comeback alter Infektionserkrankungen in Deutschland stellt eine Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Die labormedizinische Diagnostik ist essenziell, um diese Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Während serologische Tests (IgM/IgG) und molekulare Verfahren (PCR) die Hauptpfeiler der Diagnose bilden, sind unspezifische Parameter wie Blutbild und Entzündungsmarker ergänzende Hilfsmittel. Eine Kombination aus moderner Labortechnologie, klinischer Expertise und präventiven Maßnahmen ist notwendig, um die Verbreitung dieser Krankheiten einzudämmen und die Bevölkerung zu schützen. Angesichts der dynamischen Entwicklungen bleibt eine kontinuierliche Anpassung der diagnostischen Strategien erforderlich.
