Nitrosamine in Kondomen: Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme
Eine umfassende Untersuchung des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Stuttgart hat ergeben, dass in 29 von 32 getesteten Kondomen krebserregende N-Nitrosamine nachgewiesen wurden[1]. Diese Substanzen, die zu den stärksten karzinogenen Stoffen gehören, werden bei Schleimhautkontakt aus dem Gummimaterial herausgelöst[4].

Messwerte und Grenzwerte
Die höchsten gemessenen Werte lagen bei 660 Nanogramm pro Kilogramm Material[4]. Besonders auffällig waren Kondome mit Schokoladengeschmack, deren Nitrosaminkonzentration 60-mal höher lag als die für Babyschnuller zugelassenen Werte[2]. Bislang existieren keine rechtsverbindlichen Grenzwerte für die Nitrosaminabgabe in Kondomen[1].
Gesundheitliche Risikobewertung
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat eine detaillierte Risikobewertung vorgenommen. Die durchschnittliche tägliche Aufnahme von N-Nitrosaminen über die Nahrung beträgt 0,2 bis 0,3 Mikrogramm[3]. Bei einmaligem täglichen Gebrauch der am höchsten belasteten Kondomsorte wird eine Menge an N-Nitrosaminen aufgenommen, die dem 2-3 fachen der täglich durch Lebensmittel aufgenommenen Menge entspricht[4].
Technische Hintergründe
Die N-Nitrosamine entstehen aus Substanzen, die bei der Herstellung von Kondomen zugefügt werden, um dem Gummi die erforderliche Elastizität zu verleihen[1]. Dass eine nitrosaminfreie Produktion technisch möglich ist, wurde durch die Untersuchungen bestätigt: Bei drei Produkten eines Herstellers wurde keine Abgabe der krebserregenden Substanzen festgestellt[4].
Marktentwicklung und wirtschaftliche Aspekte
Der deutsche Kondommarkt generierte 2023 einen Umsatz von 485,6 Millionen USD und wird voraussichtlich bis 2030 auf 723,1 Millionen USD anwachsen, mit einer jährlichen Wachstumsrate von 5,9%[11]. Latex-Kondome dominieren dabei mit einem Marktanteil von 86,88%[11].
Präventive Bedeutung
Trotz der festgestellten Belastungen betonen Experten die unverzichtbare Rolle von Kondomen in der Prävention. Aktuelle WHO-Daten zeigen einen besorgniserregenden Rückgang der Kondomnutzung unter Jugendlichen: Der Anteil der sexuell aktiven Jugendlichen, die beim letzten Geschlechtsverkehr ein Kondom benutzten, sank zwischen 2014 und 2022 von 70% auf 61% bei Jungen und von 63% auf 57% bei Mädchen[8].
Handlungsbedarf und Perspektiven
Das CVUA Stuttgart sieht dringenden Handlungsbedarf seitens der Hersteller[4]. Die Produzenten sind aufgefordert, die Abgabe an N-Nitrosaminen zu minimieren und dies bei der Qualitätskontrolle entsprechend zu überprüfen[1]. Auch der Beate-Uhse-Konzern fordert die Schaffung europäischer Normen und Grenzwerte bei Kondomen[2].
Fazit
Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand überwiegen die Vorteile der Verwendung von Kondomen die potenziellen Risiken bei weitem[3]. Epidemiologische Studien liefern keine Hinweise darauf, dass die Verwendung von Kondomen zu einer erhöhten Inzidenz von Zervix- oder Peniskarzinomen führt[3]. Vielmehr senkt die Verwendung von Kondomen das Risiko, an einem bakteriell oder viral verursachten Zervixkarzinom zu erkranken[3].
Citations:
[1] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/behoerden-test-krebs-erregende-stoffe-in-fast-allen-kondomen-a-302047.html
[2] https://rp-online.de/leben/gesundheit/news/kondome-mit-krebs-erregenden-stoffen-belastet_aid-8614349
[3] https://www.bfarm.de/DE/Medizinprodukte/Aufgaben/Risikobewertung-und-Forschung/Wissenschaftliche-Aufarbeitung/kondome_Nitrosamine_280704.html
[4] https://cvuas.xn--untersuchungsmter-bw-nzb.de/pdf/druck_nitros_kondome2004.pdf
[5] https://serval.unil.ch/resource/serval:BIB_022C73B5579A.P001/REF.pdf
[6] https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(24)00514-0/fulltext
[7] https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2021.690242/full
[8] https://www.who.int/europe/de/news/item/29-08-2024-alarming-decline-in-adolescent-condom-use–increased-risk-of-sexually-transmitted-infections-and-unintended-pregnancies–reveals-new-who-report
[9] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7845133/
[10] https://gesid.eu/wp-content/uploads/2018/09/Endbericht-Pilotstudie-2017.pdf
[11] https://www.grandviewresearch.com/horizon/outlook/condom-market/germany
[12] https://www.ema.europa.eu/en/documents/opinion-any-scientific-matter/nitrosamines-emea-h-a53-1490-assessment-report_en.pdf
[13] https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1943815X.2021.1949354
[14] https://www.fairsquared.com/en/can-condoms-really-be-sustainable-what-you-should-consider-regarding-materials-origin-and-disposal/
[15] https://www.oekotest.de/gesundheit-medikamente/Kondome-im-Test-Diese-Praeservative-halten-dicht_94091_1.html
