Einem Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig ist ein entscheidender Schritt zur Klärung einer langjährigen Kontroverse gelungen: Wurde die Syphilis Ende des 15. Jahrhunderts aus Amerika nach Europa eingeschleppt oder gab es sie hier bereits? Alte Erregergenome aus Skelettresten aus Nord- und Südamerika älter als 1492 bestätigen die Einschleppung aus der Neuen Welt, die weltweite Ausbreitung ist erst der Kolonialzeit zuzuschreiben.
Syphilis gehört zu einer Familie von Krankheiten, zu denen auch Frambösie und Bejel gehören. Beide gelten als wenig bekannte Tropenkrankheiten, die weltweit in äquatornahen Gebieten vorkommen. Der Postdoc Rodrigo Barquera hat bereits mit archäologischen Knochenfunden aus dem Mexiko der Kolonialzeit gearbeitet und konnte das Vorkommen von Syphilis und Frambösie in Mexiko-Stadt bis hinein ins 17. Jahrhundert nachweisen.
Die neuen Genomdaten zeigen nun, dass Amerika schon vor der Ankunft von Christoph Kolumbus eine Drehscheibe für die frühe Vielfalt dieser Krankheitsgruppe war. „Wir fanden ausgestorbene Schwesterlinien für alle bekannten Formen dieser Krankheitsfamilie. Syphilis, Frambösie und Bejel sind also moderne Überbleibsel von Erregern, die einst in Amerika kursierten“, erklärt Barquera.
„Die Daten zeigen eindeutig, dass die Syphilis und ihre bekannten Verwandten ihren Ursprung in Amerika haben, und ihre Einschleppung nach Europa ab dem späten 15. Jahrhundert stimmt mit diesen Daten überein“, fügt Bos hinzu. So scheint es um 1.500 AD zu einem explosionsartigen Anstieg der Syphilis- und Frambösiefälle gekommen zu sein. Dies dürfte der Grund für das Ausmaß und die Intensität der Epidemie im 16. Jahrhundert in Europa gewesen sein, deren globale Ausbreitung in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten durch Menschenhandelsnetze und die europäische Expansion nach Amerika und Afrika begünstigt wurde. „Während die indigenen Bevölkerungsgruppen Amerikas an den frühesten Formen dieser Krankheiten litten, spielten die Europäer eine entscheidende Rolle bei ihrer weltweiten Verbreitung“, sagt Bos.
Wenn man also annimmt, dass die Syphilis ihren Ursprung in Amerika hatte, wie passt dann die aktuelle Darstellung zu den Belegen für Syphilis-ähnliche Knochenläsionen, die viele in Europa schon vor 1492 zu sehen glauben? „Die Suche nach diesen früheren Formen geht weiter, und alte DNA wird dabei sicher eine wertvolle Ressource sein“, sagt Krause. „Wer weiß, welche älteren verwandten Krankheiten mit Menschen und anderen Tieren um die Welt gereist sind, bevor die Syphilis-Erregerfamilie auftauchte.“

Originalpublikation:
Rodrigo Barquera, T. Lesley Sitter, Casey L. Kirkpatrick, Darío A. Ramirez, Arthur Kocher, Maria A. Spyrou, Lourdes R. Couoh, Jorge A. Talavera-González, Mario Castro, Tanya von Hunnius, Evelyn K. Guevara, W. Derek Hamilton, Patrick Roberts, Erin Scott, Mariana Fabra, Gabriela V. Da Peña, Aryel Pacheco, Mónica Rodriguez, Eugenio Aspillaga, Anthi Tiliakou, Elizabeth A. Nelson, Karen L. Giffin, Raffaela A. Bianco, Adam B. Rohrlach, María de los Ángeles García Martínez, Fabiola A. Ballesteros Solís, Antti Sajantila, Shelley R. Saunders, Rodrigo Nores, Alexander Herbig, Johannes Krause, and Kirsten I. Bos
Ancient genomes reveal a deep history of Treponema pallidum in the Americas
Nature, 18 December 2024, https://doi.org/10.1038/s41586-024-08515-5

