Kanadas Premierminister Mark Carney hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die regelbasierte internationale Ordnung als Illusion bezeichnet, von der der Westen jahrzehntelang profitiert habe. In einer Grundsatzrede am 21. Januar 2026 rechnete der seit März 2025 amtierende Regierungschef mit der alten Weltordnung ab und forderte Mittelmächte wie Kanada zu einem pragmatischen, prinzipientreuen Realismus auf. Ohne US-Präsident Donald Trump namentlich zu nennen, kritisierte Carney die zunehmende Machtpolitik starker Staaten und die Schwächung multilateraler Institutionen.
Carney sprach von einem Bruch in der Weltordnung, in dem Großmächte wirtschaftliche Integration als Waffe nutzen und Regeln nach Belieben umgehen. Der Westen habe lange „in einer Lüge“ gelebt, indem er an eine faire, regelbasierte Ordnung glaubte, obwohl Ungleichgewichte und selektive Durchsetzung offensichtlich waren. Die US-Hegemonie habe öffentliche Güter wie stabile Finanzsysteme und offene Seewege gesichert, doch diese Fiktion funktioniere nicht mehr. „Nostalgie ist keine Strategie“, sagte Carney.
Der Premier verwies auf Václav Havels Essay „Die Macht der Machtlosen“ und den Gemüsehändler, der ein Schild mit kommunistischen Parolen aufhängt, obwohl er nicht daran glaubt. Ähnlich hätten viele Länder an Ritualen teilgenommen, um Konformität zu signalisieren. Nun sei es Zeit, das Schild abzunehmen und in Wahrheit zu leben. Mittelmächte seien nicht machtlos, sondern könnten durch Zusammenschluss Einfluss gewinnen. Strategische Autonomie in Energie, Ernährung, Mineralien und Lieferketten sei notwendig, doch eine Welt voller Festungen werde ärmer und fragiler.
Kanada verfolge einen „wertorientierten Realismus“: prinzipientreu bei Souveränität, Menschenrechten und Gewaltverbot, pragmatisch in der Umsetzung. Seit Carneys Amtsantritt senkte die Regierung Steuern, beseitigte Handelsbarrieren zwischen Provinzen und treibt Investitionen in Höhe einer Billion Dollar voran. Verteidigungsausgaben sollen bis 2030 verdoppelt werden. Kanada schloss neue Partnerschaften mit der EU, China, Katar und anderen, verhandelt Freihandelsabkommen mit Indien, ASEAN und Mercosur und baut Käuferclubs für kritische Mineralien auf.
In der Ukraine unterstützt Kanada die Koalition der Willigen massiv, in der Arktis steht es fest an der Seite Dänemarks und Grönlands gegen Zölle und Einflussnahme. Bei KI und Handel setzt Ottawa auf Koalitionen gleichgesinnter Demokratien. Carney betonte, Souveränität entstehe nicht durch bilaterale Unterordnung, sondern durch gemeinsames Handeln. Mittelmächte müssten Koalitionen bilden, um nicht „auf der Speisekarte“ zu landen.
Die Rede markiert einen Kurswechsel Kanadas hin zu größerer strategischer Autonomie und variabler Geometrie in der Außenpolitik. Carney positionierte Kanada als stabilen, wertebasierten Partner mit enormen Ressourcen in Energie und Mineralien. Die Analyse der neuen geopolitischen Realität und der Aufruf zu kollektiver Resilienz sollen den Westen aufrütteln. Carney schloss mit der Botschaft, dass aus dem Bruch etwas Stärkeres und Gerechteres entstehen könne – wenn Mittelmächte gemeinsam handeln.
Die Rede stieß in Davos auf breites Interesse, da sie die Spannungen um US-Politik, Handelskriege und Arktis-Souveränität anspricht. Sie unterstreicht Carneys pragmatischen Ansatz nach Jahren multilateraler Ausrichtung und könnte die Debatte über die Zukunft westlicher Allianzen prägen.
